Zeitenwende und Diskurse

„Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents.“ Mit diesem Satz eröffnete der Bundeskanzler drei Tage nach dem Einmarsch russischen Militärs in die Ukraine, erregt und entsetzt, weil das bis dahin jenseits seiner Vorstellung lag, eine Regierungserklärung im Deutschen Bundestag.

Wieso soll ausgerechnet dieser Krieg eine Zeitenwende sein? Er wird (bisher) mit konventionellen und zum Teil veralteten Waffen geführt. Er ist nach Völkerrecht ein Übergriff und soll den Einflussbereich des Angreifers ausweiten. Das ist wahrlich nichts Neues.

Das Wort an dieser Stelle deutet wohl eher auf den Denkhorizont eines Kanzlers, der seine Grenzen an den Landesgrenzen hat, dort, wo seine Mitverantwortung für das globale Ganze qua Amt beginnt.

Denk ich an Deutschland nicht nur in der Nacht, ist der Begriff „Zeitenwende“ auch über militärische Konflikte hinaus diffus. Sehe ich zum Beispiel den aktuellen Klimawandel als eine Konfliktlage an, die die Menschheit heute so forciert wie noch nie, kann ich mit dem Begriff „Menschenwandel“ deutlich mehr anfangen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse über die Komplexität des Lebens führen uns einerseits zu Modellen und Szenarios, andererseits zu Prognosen über das, was wir erwarten können, wenn wir entweder so weitermachen wie bisher oder uns verändern. Beides kann nur geschehen, wenn Zeit (ab)läuft. Wie soll sie sich wenden und wohin? Wir wenden uns: einander zu oder ab, je nachdem, was wir für notwendig halten oder was uns möglich ist.

Aussichtsreich wäre dann, fortan nicht nur gewaltlos und intensiver zu streiten, sondern unsere Diskurse so zu entwickeln, dass wir über den Austausch von Befindlichkeiten hinauskommen. Wichtig ist, dass wir offen und eindringlich die eigene Perspektive vermitteln, um Entscheidungen treffen zu können, die nicht nur uns selbst zugute kommen.

Gelänge uns das, könnte daraus endlich ein nicht nur lokales, nationales oder kontinentales Handeln werden, sondern ein allgemein verbindliches mit der Erde als einzigartigem und doppelt befristetem LebensRaum. Das wäre der Anfang einer Menschenwende. An dem wir sind?

Wie weit entfernt?