Wetter?Wandel

850 Jahre alt ist der Ort Risch im Schweizer Kanton Zug. 20 Kilometer von Luzern entfernt, bewohnen ihn seit 2012 mehr als 10 000 Einwohner. Er will aber weiter ‚Gemeinde‘ heißen statt ‚Stadt‘. Siegt hier der Stolz auf Herkunft über das Faszinosum des Wachstums? Auch die Begeisterung am Zusammenschluss mit der benachbarten Kleinstadt Rotkreuz, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts weitet und seit Ende des vorigen ein wichtiger Pharma-Standort ist, hält sich in Grenzen. Indizien wofür?

Seit dem 21. Juni dieses Jahres, da zog eine Gewitterzelle über die Gemeinde hinweg und richtete, wie die lokale Presse schrieb, „erheblichen Sachschaden“ an, hat es Risch auf die Liste extremwettergeschädigter Orte geschafft. 110 Einsätze fuhr die Feuerwehr in diesem Zusammenhang.

„Ein Teil des Dachs des Zentrum Dorfmatt wurde durch die starken Windböen abgedeckt. Dies führte dazu, dass Wasser ins Innere des Saal Dorfmatt eindrang. Es entstand erheblicher Schaden an der Decke, der Wandverkleidung und am Mobiliar. Aufgrund des Wasserschadens musste auch die öffentliche Informationsveranstaltung über das Neue Zentrum Dreilinden und das Vorgehen Überbauung Buonaserstrasse kurzfristig abgesagt werden.

Ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen wurde auch das Freibad Rotkreuz. Bis voraussichtlich Donnerstagabend muss das Freibad umfassend überprüft und gereinigt werden, weshalb das Schwimmbad bis dann geschlossen bleibt. An der Seeuferpromenade in Buonas litt der Baumbestand arg unter dem Unwetter. Die Aufräumarbeiten werden voraussichtlich bis Ende kommender Woche dauern. Personen kamen gemäss aktuellem Stand keine zu Schaden. Die Gemeinde Risch dankt insbesondere der Feuerwehr Risch, den Werkhofmitarbeitenden sowie dem Hauswartspersonal für den beherzten Einsatz.“

Verglichen mit den Schäden, die andere Wetterextreme weltweit und inzwischen kontinuierlich verursachen, mutet das geradezu possierlich an. Im Einzelfall sind sie jedoch genauso exemplarisch und für mindestens zwei ihrer Bewohner existenziell. Es hängt von der Perspektive ab.

Bis zu diesem Junitag, über 20 Jahre lang, lebte in Risch, mit sich und Welt im Reinen, wie man gern sagt, ein Ehepaar in einem hübschen Haus mit großem Garten und einem prachtvollen Nussbaum vor der Tür. Der fiel in der Nacht, als meterbreite Bäche stundenlang das Grundstück fluteten und Erde ausschwemmten. Ihr Haus kam nicht zu Schaden und doch, wie sich herausstellt, ist der Umbruch des Baumes katastrophal.

Allmählich deutlicher erkennt, begreift, versteht – in dieser Reihenfolge – das Paar, wen und was es da, vermeintlich außerhalb der eigenen vier Wände, verloren hat. Unwiederbringlich. Offensichtlich war der Schatten, den er ihnen jahrelang gab gab. Der ließe sich mit Aufwand und Technik ersetzen. Doch stellt sich heraus, dass weder in der künstlichen Schattenfläche noch ohne die Baumkrone ein Wohlbefinden entsteht, das sie erst im Verlorensein samt seiner Ursache wieder wahrnehmen. Zu selbstverständlich war geworden, was ihnen der Atem der Natur so lange zugefächelt hatte.

Dann wurde ihnen klar, dass auch das noch nicht annähernd die Wirkung ausmachte, die der Baum auf ihr Leben hatte und wie er es beeinflusste. Es war nicht nur das Fächeln, sondern ein stetiges sanftes Durchdringen. Es war ein Austausch, der sich jetzt, wo sie ihn vermissen und das Vermisste nachzuempfinden versuchen, wie ein Kokon aus Fäden und Gewebe anfühlt, der aber im Unterschied zu tatsächlichen Fäden und Gewebe nicht bindet oder fängt oder hält, sondern im Gegenteil die eigenen Sinne für Wahrnehmungen öffnet, die sie bisher stets aus sich selbst heraus erklärt hatten. Die waren jetzt nicht mehr da. Verloren? Für immer?

Ratlos laufen jetzt beide umher und sitzen anders beieinander, ordnen allen angesammelten Krimskram auf ihrem Anwesen, der auf einmal unwesentlich ist. Das lenkt ein wenig ab und hängt doch so sehr mit dem Vermissten zusammen. Statt der Blicke in schwebend grüne Fülle, kommt neuerdings Einsamkeit über sie, die sie zu zweit nie für möglich gehalten haben. Und nistet sich ein. Also fort von ihr. Fort von hier? Wo kommt dieser Wille her, der doch nur falsch sein kann? Aus der Natur? Und führt wohin? Heraus aus ihr?