Selbst

Zwei frühe Erfahrungen haben mich geprägt. Die eine war der Verlust der Mutter mit knapp eineinhalb Jahren. Nach einer gescheiterten Kriegsehe und einem raschen Trost, aus dem ich kam, floh sie mit einem Mann, den sie zu dem ihres Lebens machte, westwärts. Mich ließ sie, von allen guten Geistern verlassen, bei ihren Eltern zurück. Zugleich war das mein erstes großes Glück, für das ich ihr zeitlebens dankbar bin.

Die andere Erfahrung war, dass die großelterliche Liebe und Erziehung zu Ehrlichkeit und Anständigkeit nichts daran ändern konnte, in Auseinandersetzungen mit Gleichaltrigen auf mich gestellt zu sein. Lieber erlitt ich Übergriffe, als Hilfe bei anderen zu suchen. Und ich entwickelte ein feines Gespür für bedrohliche Situationen und ein Geschick, sie meistens nur gering beschadet zu überstehen.

Das dauerte, bis ich Vierzehn war und das “Philanthropinum” besuchen durfte. Diese legendäre Bildungsanstalt, dazu der Wörlitzer Park und das Dessauer Bauhaus, neben dem ich das erste Lebensjahr mit der Mutter wohnte, wurden maßgebliche Orte für meinen weiteren Weg. Die Perspektive der Bauhauskünstler, der gestirnte Himmel und die Rockmusik entfalteten in vier Oberschuljahren ein Koordinatensystem, in dem ich zu mir kam. Als meine Liebe zu den Himmelsobjekten in einem Lehrerstudium versandete, wurden die Worte zu geliebten Gefährten. So kam es zu einem Studium am Leipziger Literaturinstitut.

Eine Schrift des Philosophen Wolfgang Harich brachte mich auf die Spur des Club of Rome. Vom Schreiben, sah ich, würde ich nicht leben können, also wurde ich Dramaturg am Eisenacher Landestheater und verhalf zehn Jahre lang Bühnenwerken auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zuletzt einem “Waldstück mit Rosapelikan”. 1984 kam meine Tochter Maria zur Welt und blieb bis heute der wichtigste Grund für die eigene Zukunft. Im Frühjahr 1989 in Leipzig zurück, erlebte ich als Lektor in einem Verlag die politische Wende, die dieser nicht überlebte und wurde Verwaltungsgestalter in einer Umlandgemeinde.

Was weder Nazi- noch DDR-Diktatur geschafft hatten, gelang der West-Demokratie in Kürze. Im Jahr 2000 wurde Mölkau per Dekret der Stadt Leipzig einverleibt, und ich kam hinter einen belanglosen Schreibtisch. Dort erlernte ich, ermutigt von Jean Ziegler, die Strategie der „subversiven Integration“. Mit dem Blog „sein-u-n-d-sinn“ ein Plateau schaffen und mit Gedankengut füllen, das gegen die herrschende Weltunordnung mobilisiert, habe ich mir als Beschäftigung für den Lebensrest zugedacht …