Ubuntu

Aus der Wiege der modernen Menschheit, aus den Sprachen der einst in Zentralafrika beheimateten Zulu und Xhosa, kommt das Wort Ubuntu. Es bedeutet soviel wie ‘unsichtbarer Zusammenhalt’. Demnach ist jeder Mensch Teil eines Ganzen, und jeder Ausgeschlossene beschädigt dieses Ganze im Kern. Ubuntu ist der Begriff für wechselseitigen Respekt, für die Achtung der Menschenwürde und für eine friedfertige Gemeinschaft. In ihr wird individuelles Handeln erst wertvoll, wenn es diese Merkmale aufweist und sich damit vom Selbst hin zu einem Weltbild ablöst, in dem wir unser Gleichgewicht finden.

Innehalten wäre ein brauchbarer Anfang, um den fatalen Trends zu entgehen, um die Chance auf aussichtsreiche Zeiten zu wahren. Allerdings will der seit Jahrzehnten von weitsichtigen Leuten angemahnte Wandel im Denken und Handeln, der sich anschließen müsste, einfach nicht gelingen. Da niemand gleichgültig oder gar mit schlechten Absichten auf die Welt kommt, liegt systemisches Versagen nahe. Die Strukturen, die wir geschaffen haben, um unsere Gemeinsamkeit zu regulieren, erschweren sie zusehends.

Jeder, der sich von Ideologen, Politikern, Wirtschafts- oder Finanzexperten und ihrem emsigen Gefolge noch nicht den Kopf hat verdrehen lassen, jeder, dem das Kunststück gelingt, in den gewaltigen Machtapparaten selbständiges Denken und eigene Wahrnehmung zu behalten, jeder, der hört und sieht und nachprüft, was tatsächlich in der Welt geschieht, muss erkennen, dass tatsächlich die Regeln es sind, die unsere fatalen Gelüste anstacheln, während die guten Absichten sich in ihnen verheddern und intelligente Ansätze für notwendige Veränderungen oft kläglich verkümmern.

Die zunehmend ins Bewusstsein drängende Komplexität unserer Lebensweise zeigt, dass Kapitalismus und Nationalstaaten, die in den vergangenen Jahrhunderten den wissenschaftlich-technischen Fortschritt immens befördert und dem Menschen die Erde erschlossen haben, auf Ausgleich und Teilhabe bedachten Gemeinschaften inzwischen großen Schaden zufügen. Ob es gravierend hilft, wenn diese Erkenntnis nun auch der Papst verbreitet, wird er selbst in Zweifel ziehen. Aber kraft seines Amtes setzt er ein weltweites Zeichen für die notwendige Verknüpfung der eigenen Persönlichkeit und der Gemeinschaft, für ein universelles Band des Teilens, das alles Menschliche verbindet.

Die Menschheit erlebt im Moment eine historische Wende, die wir an den Fortschritten ablesen können, die auf verschiedenen Gebieten gemacht werden“, schreibt Franziskus in seiner Ende November 2013 veröffentlichten apostolischen Schrift „Evangelii Gaudium“ („Freunde des Evangeliums“). „Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass der größte Teil der Männer und Frauen unserer Zeit in täglicher Unsicherheit lebt, mit unheilvollen Konsequenzen. […]

Häufig erlischt die Lebensfreude, nehmen Respektlosigkeit und Gewalt zu, die soziale Ungleichheit tritt immer klarer zutage. […] Ebenso wie das Gebot ‘du sollst nicht töten’ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ‘Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen’ sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschließung.“

Wir schlafen auch nicht allzu unruhig, weil weltweit über 900 Millionen Menschen nicht genug zu essen haben und damit jeder siebte Mensch auf der Erde hungert und diese Zahl mit Finanz- und Wirtschaftskrisen und Börsenspekulationen auf Lebensmittel ständig steigt.

Mit der Ausschließung“, so der Papst, „ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. […] In diesem Zusammenhang verteidigen einige noch die ‘Überlauf’-Theorien, die davon ausgehen, dass jedes vom freien Markt begünstigte Wirtschaftswachstum von sich aus eine größere Gleichheit und soziale Einbindung in der Welt hervorzurufen vermag. […]

Inzwischen warten die Ausgeschlossenen weiter. Um einen Lebensstil vertreten zu können, der die anderen ausschließt, oder um sich für dieses egoistische Ideal begeistern zu können, hat sich eine Globalisierung der Gleichgültigkeit entwickelt. […] Die Kultur des Wohlstands betäubt uns, und wir verlieren die Ruhe, wenn der Markt etwas anbietet, was wir noch nicht gekauft haben, während alle diese wegen fehlender Möglichkeiten unterdrückten Leben uns wie ein bloßes Schauspiel erscheinen, das uns in keiner Weise erschüttert.“

Erschütternd ist, wie heuchlerisch sich die Massenmedien verhalten, die, wenn sie die brisanten Problemlagen streifen, kaum eine eigene Meinung riskieren. Im Mäntelchen objektiver Berichterstattung erdreisten sie sich stattdessen, „die Armen und die armen Länder mit ungebührlichen Verallgemeinerungen der eigenen Übel zu beschuldigen und sich einzubilden, die Lösung in einer ‘Erziehung’ zu finden, die sie beruhigt und in gezähmte harmlose Wesen verwandelt.“

Einer der Gründe dieser Situation“ erkennt der Papst „in der Beziehung, die wir zum Geld hergestellt haben, denn friedlich akzeptieren wir seine Vorherrschaft über uns und über unsere Gesellschaften. […] Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel. Die weltweite Krise macht vor allem den schweren Mangel an einer anthropologischen Orientierung deutlich – ein Mangel, der den Menschen auf nur eines seiner Bedürfnisse reduziert: auf den Konsum.

Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen. Darum bestreiten sie das Kontrollrecht der Staaten, die beauftragt sind, über den Schutz des Gemeinwohls zu wachen.“

Seit ungefähr fünf Jahren erzähle ich bei passender Gelegenheit, dass Staaten diesem Auftrag noch nie und nirgendwo gerecht geworden ist. Stets sind Politiker die Lobbyisten einer mehr oder weniger großen Minderheit, für die zumeist in Gewaltakten rekrutierte Staatsvölker leben oder ihr Leben lassen.

Außerdem entfernen die Schulden und ihre Zinsen die Länder von den praktikablen Möglichkeiten ihrer Wirtschaft und die Bürger von ihrer realen Kaufkraft. […] Die Gier nach Macht und Besitz kennt keine Grenzen. In diesem System ist alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergöttlichten Marktes, die zur absoluten Regel werden.“

Mit Hoffnung behaftet Franziskus die Ethik: „Die Ethik wird gewöhnlich mit einer gewissen spöttischen Verachtung betrachtet. Sie wird als kontraproduktiv und zu menschlich angesehen, weil sie das Geld und die Macht relativiert. Man empfindet sie als Bedrohung, denn sie verurteilt die Manipulierung und die Degradierung der Person. Die Ethik – eine nicht ideologisierte Ethik – erlaubt, ein Gleichgewicht und eine menschlichere Gesellschaftsordnung zu schaffen.“

Gleichgewicht aber heißt nichts anderes als Chancengleichheit, und hier schließt sich der Kreis oder – unserem Erkenntniszuwachs angemessener – die Sphäre, denn „ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden, der früher oder später die Explosion verursacht. Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überlässt, wird es keine politischen Programme, noch Ordnungskräfte oder Intelligenz geben, die unbeschränkt die Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen provoziert, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist.“