Rassismus und Klassismus

Ist es abhandenes Gewissen oder mindestens ein schlechtes, dass wir uns, vermeintlich arglos und in bester Absicht, mit traumwandlerischer Sicherheit immer wieder in Strukturen einbinden (lassen), die die Welt penetrant in oben-unten (religiös), rechts-links (politisch), gut-böse (moralisch), arm-reich (sozial) und klug-dumm (intellektuell) einteilen?

Rassismus (eine Ideologie, die Menschen aufgrund äußerer Merkmale als minderwertig klassifiziert) und Klassismus (die tatkräftige Umwandlung einer homogenen Gesellschaft in sozial ungleiche Menschengruppen) sind zivilisatorische Merkmale weit über unseren abendländischen Kulturkreis hinaus. Sind es aber auch Folgen von natürlichen oder von uns selbst entwickelten Systemen, in denen soziale und kulturelle Gefälle steiler und persönliche und gesellschaftliche Konflikte krasser werden? Oder gehören Rassismus und Klassismus zum Unvermeidlichen, das wir lebenslänglich zu ertragen haben, wenn die Hautfarbe ‚nicht stimmt‘ oder wenn wir aus dem ‚falschen‘ Mutterleib kommen?

Dann müsste es ja die ‚richtige‘ Hautfarbe und den ‚richtigen‘ Mutterleib geben und am besten beides gleichzeitig. Oder in unseren Köpfen kämen endlich Gedanken in den Vordergrund, mit denen sich Leben so einrichten lässt, dass glückliche Umstände nicht nötig sind, um zufrieden zu sein. Zum Beispiel einander zugewandte Gedanken und Regeln, die den Willen dafür freilegen. Ein freier Wille dieser Art ist in einer Ich-Gesellschaft wie der unseren allerdings nicht möglich. Ihn beharrlich herausfordern zu müssen, leuchtet eventuell ein, jedoch bleibt Dunkelheit genug, als dass wir absehen könnten, ob ein solcher Sinneswandel tatsächlich die Anstrengung lohnt und die Zukunft öffnet. Nach wie vor ‚raffen‘ wir nicht, dass unsere Lebensweise schon heute natürliche Gleichgewichte zerstört, auf die wir angewiesen sind.

Einerseits können wir physikalische Prozesse in fernsten Himmelskörpern und die Wahrscheinlichkeit kosmischer Ereignisse ungeheuerlichsten Ausmaßes berechnen, besorgt – ernsthaft? –, sie könnten uns in Milliarden oder Millionen oder in einem unklaren Demnächst in faktisch nichts auflösen. Andererseits verstehen wir nicht, dass wir das mit unserer planetaren Idylle eben jetzt tun und starren Greta Thunberg an wie ein Weltwunder. Für unsere Verhältnisse ist sie tatsächlich eines!

Das ist irre. Wir kokettieren mit Unsterblichkeit, obwohl wir unserer kurzen eigenen Frist todsicher sind. Oder ist es Erstarrung (wie beim Kaninchen vor der Schlange) bei der Vorstellung, dass uns Gewohntes und Liebgewordenes dann verloren ginge, ohne zu wissen, ob wir ausreichend Ersatz dafür finden werden? Da warten wir doch lieber ab und klammern uns an das, was wir im Moment noch sicher haben. Ist das Hybris oder Psychologie oder Pragmatismus oder Lebensdummheit?

Ursprung und Nährboden für Rassismus und Klassismus ist dieses Verhalten allemal. Aufklärerische Bücher, Filme und öffentliche Debatten mit Anthropologen, Soziologen, Philosophen et cetera gibt es inzwischen genug. Ob sie tatsächlich ein weitsichtigeres Handeln auslösen können, bezweifle ich. Doch warum mute ich es meinem SelbstBewusstsein nicht einfach zu? Vielleicht wegen genau diesem SelbstBewusstsein. Dilemma oder Desaster, wäre dann die Frage.