Putin muss weg

Und dann? Ist die Welt dann eine andere? Wird die Zukunft ohne Putin friedvoller sein? Gehen wir dann besser miteinander um? Nach dem Verschwinden welcher Kriegsverbrecher, Mörderinnen, Folterknechte, Schänderinnen wäre das schon einmal so gewesen?

Sind wir so naiv oder folgen unsere Erwartungen nicht vor allem der eigenen Ratlosigkeit, Enttäuschung und Verzweiflung? Dann könnte ich auch denken, dass Putins Untaten um so eindrucksvoller und abschreckender wären, je heftiger sie sind und je länger sie andauern. Diese Untaten. Diese … Untätigkeit? Da habe ich mich wohl in der eigenen Sprache verheddert. Fern von Babel, mit oder ohne ‘Babbel’! Was ist sie wirklich wert, auf die ich so stolz bin und meine Bildung? Nicht so viel, solange sie Egos füttert, anstatt LebensSinn zu entwickeln.

Ende letzten Jahres kaufte ich eine Eintrittskarte für den „Mord im Orientexpress“, ein Theaterstück, das ein US-Amerikaner 2017 nach dem in die Jahre gekommenen Kriminalroman von Agatha Christie für eine Broadway-Bühne bearbeitet hat. 2021 inszenierte die Regisseuse und Schauspielerin Katharina Thalbach es als vergnügliches Kriminalstück für die „Komödie am Kurfürstendamm“.

Keine Sorge, ich bin noch beim Thema, denn nach dem Einmarsch Putins am 24. Februar in die Ukraine geschieht mit diesem Theaterstück auf einmal Erstaunliches. Ohne dass an der Inszenierung etwas verändert worden wäre, wird die Bühne des Berliner Schillertheaters zu den seit seinem Namensgeber sprichwörtlichen „Brettern, die die Welt bedeuten“.

Zweieinhalb Stunden lang sieht es gar nicht danach aus, aber dann kommt die große Szene, in der Agatha Christie’s Meisterdetektiv Hercules Poirot den Mord im Orient-Express aufklärt: als eine kollektive Untat vermeintlich zufällig im gleichen Zug Reisender. Oder als Notwehr, ohne die ein nach einem Kindesmord flüchtiger Gangster wahrscheinlich ungestraft entkäme?

Hierfür denkt Agatha Christie sich, was ein Leichtes für sie wäre, aber nicht etwas ganz Neues aus, sondern zitiert, indem sie den Verruchten erdolchen lässt, den Mord einiger wild entschlossener römischer Senatoren an Gaius Iulius Caesar, der zuvor die Römische Republik seiner eigenen Karriere zum Monokraten und Tyrannen geopfert hat.

Als Poirot in dem grandiosen Finale die konspirative Untat enthüllt, wird es auf einmal mucksmäuschenstill im Saal. Jede und jeder versteht, dass auf den Punkt genau aktuelles Weltgeschehen verhandelt wird. Wie kann, wie darf, wie muss mit einem Staatspräsidenten umgegangen werden, der ein Kriegsverbrecher geworden ist, seit er russischen Soldaten einen Marsch- und Schießbefehl gegeben und ein Gleichgewicht aufgelöst hat, von dem, sei es auch noch so labil, Millionen Menschenleben abhängen. Die nun nichts mehr wert sind.

Bis sich der Vorhang schließt, wird das abgewogen. Kann eine kollektive Untat Niedertracht und Unrecht besser aus dem Weg schaffen als fortgesetzter Kampf? Kann sie es überhaupt und wenn, ist sie dann plötzlich Recht statt Unrecht? Oder hängt das davon gar nicht ab? Haben wir eine andere Chance gegen die Kriegslogik, der wir regelmäßig erliegen, als wäre sie ein Naturgesetz, obwohl sie uns letzten Endes, mögen wir es ins Emotionale, Moralische, Strategische oder Verantwortliche drehen, stets in eine grundsätzliche Missachtung von Lebendigem treibt. Können wir denn jemals eine Lebenschance gegen uns haben?