Menschen im System

Soziologen wissen, dass feste soziale Bindungen die Grundlagen der menschlichen Existenz sind, nicht zuletzt weil wir mindestens ein Viertel unseres Lebens als Kinder, Alte oder Kranke von der Sorge und Pflege durch andere abhängen. Gemeinschaft ist unser Zuhause, und ein beträchtliches Maß unserer körperlichen und geistigen Kräfte wenden wir in der Zwischenzeit auf, Zuwendung zu organisieren.

In Verbindung mit all den anderen entweder von Anfang an vorhandenen oder im Laufe unserer Entwicklung entstandenen Wesensarten und Antrieben entwickeln sich daraus gesellschaftliche und ökonomische Systeme. In ihnen wollen wir uns sicher fühlen. In ihnen wollen wir über die Sicherung der Existenz hinaus Wohlbefinden spüren, einen Sinn für unser Dasein finden und mit unseren Nachkommen Zukunft erlangen.

Manche priorisieren hierfür Flexibilität und Diversität, andere Wachstum, wieder andere Glück und Zuneigung. Augenscheinlich ist, dass die so entstandenen Systeme ihre Ursachen in jedem Einzelnen von uns haben. Damit sind sie weder schicksalhaft noch alternativlos. Einfacher wird es deswegen nicht.

Wir hätten sie, wenn sie entstehen, gern für immer, aber temporär müssen sie wohl sein, weil wir es sind. Dann aber mindestens dauerhafter als wir! Am wenigsten gelang das bisher den tausendjährigen Reichen. Aber auch die haben ausschließlich wir ersonnen und eingerichtet, auf Vorgefundenem und aus Visionen.

Der Ernst der Lage, den wir neuerdings besser begreifen, kommt allerdings nicht aus Verteilungskämpfen, sondern aus Besitzverhältnissen. In ihnen zerkrümelt eine mühsam zusammengekratzte Vernunft mit einem zur Raserei getriebenen technischen Fortschritt die lange für unerschöpflich gehaltenen Ressourcen schneller als gedacht.

Keine Sorge, die Welt wird nicht untergehen, und wenn wir Pech haben, so bald nicht einmal die Menschheit. Aber bis wir, wieder mit Knüppeln bewaffnet, durch unsere Schuttgebirge ziehen, ist jeder Versuch es wert, einen anderen Weg zu finden. Dafür wird es aber nötig sein, zuvor das System zu verstehen, das uns Fußfesseln und für die Hände Smartphones verpasst, das Sitcoms und Talkshows in Augen und Ohren träufelt und die anderen, schon verkümmerten Sinne mit Massentier- und -agrarfutter abspeist. Weil wir schon viel zu viele sind? Wohl eher, weil wir die Balance verloren haben und die Chancen sie wiederzufinden schrumpfen.