„Mademoiselle Chambon“

Was ist, wenn eine Möglichkeit erscheint, die die Wirklichkeit längst ausgeschlossen hat oder, noch verstörender, bisher gar nicht aufgetaucht ist? Dann kann sie einen leicht aus dem Gleichgewicht bringen oder bestürzen oder das Herz verwunden. Drei Herzen sind es in dem französischen Liebesfilm „Mademoiselle Chambon“ von Stéphane Brizé aus dem Jahr 2009, so behutsam, Geste für Geste, Moment für Moment erzählt, dass die Welt nicht gleich aus den Fugen gerät, mich kein Getöse verstört, aber manchmal tun die leisesten Katastrophen am heftigsten weh.

Véronique Chambon, gespielt von Sandrine Kiberlain, ist die Aushilfslehrerin des Sohnes des Maurers Jean. Das Leben des Vaters, den Vincent Lindon verkörpert, kommt durcheinander, als er, darum gebeten von ihr, in ihrer Schulklasse über seinen Beruf erzählt. Es ergibt sich, dass er in ihrer Wohnung ein defektes Fenster ersetzt. Dabei entdeckt er ihre Violine und bittet sie um ein Spiel, mit dem es ernst wird.

Das Musikstück ist „La Valse Triste“ von Franz von Vecsey, ein 1893 in Budapest zur Welt gekommener Österreich-Ungar, der ein Wunderkind auf der Violine wird, später ein romantischer Virtuose und Komponist und schon mit 42 Jahren nach einer missglückten Operation stirbt.

So eine Musik hat Jean noch nie gehört, so eine Frau noch nie erlebt, ihre Nähe nie im Leben für möglich gehalten. Véronique hat einen Mann wie Jean womöglich erahnt, und nun begegnen sie sich und zärtliches Gefühl stellt sich ein. Wie sollte es anders kommen? Wer könnte sich ihm entziehen? Leise kommt es, behutsam, als wolle es sich vorab entschuldigen für das, was nun angerichtet ist.

Und anrichten wird?

Véroniques Biografie könnte als Suche nach diesem Gefühl gedeutet werden. Jean hingegen ist in eine liebevolle Ehe eingehaust, in der mit einem zweiten Kind, denn seine Frau Anne-Marie ist schwanger, eine bedenkliche Vollkommenheit am Zukunftshorizont aufzieht. Sind es diese facts, die ihn verwirren oder die zu späte Möglichkeit oder die kühne Idee, sie doch noch in die Wirklichkeit zu holen. Wozu? Um etwas aufzulösen, das bis ans Ende seiner Tage vorbereitet, eingerichtet, ausgelotet scheint? Weil es schlüssig ist? Weil es gut so wäre?

Das Beste?

Weil es ein guter Film ist, denn kein einziger schlechter Charakter wird zugelassen, ist das Ende traurig, doch kein Drama. Jeder und jeder für sich, denn die Charaktere der Hauptfiguren sind nicht nur nicht schlecht, sondern auch stark, findet für das Neue, das über sie kommt, einen Weg. Véronique behält die Kraft zur Liebe. Jean steigt nicht zu ihr in den Zug, als sie am Ende des Films die Stadt verlässt. Die Fließbandarbeiterin Anne-Marie erspürt alles und hält es nicht nur aus, sondern meistert es in grandioser Würde und Nähe zu ihrem Mann.

Vincent Lindon und Sandrine Kiberlain sind seit 1998 miteinander verheiratet, lebten zum Zeitpunkt der Dreharbeiten jedoch bereits voneinander getrennt. Insofern ist der Film zu einem Gutteil die Rückabwicklung ihrer eigenen Lebenswirklichkeit.

Wie ist das denn auszuhalten?

Zum Beispiel indem man, wie Sandrine Kiberlain es tat, fünf Monate lang das Geigespiel für die Rolle erlernt? Ob es die beste Entscheidung war, die eigentliche Aufnahme nachträglich einzuspielen, ist heute eine unmögliche Frage. Bei den Dreharbeiten war sie akut, und der Regisseur entschuldigt sich im Film aus dem Munde Jeans für diese Entscheidung: Véroniques Spiel gefalle ihm besser als das auf der CD, die sie ihm schenkt. 2010 erhielt Stéphane Brizé für „Mademoiselle Chambon“ in der Kategorie „Bestes adaptiertes Drehbuch“ den Filmpreis César