Leipziger Abend 2

Ines Klitz: On the road again?

Heute mit 7000 Legidanern, doppelt so vielen Entgegnern und mehr als 4000 Polizisten, die erfolgreich verhindern, dass beide Gruppen sich begegnen.

Zweimal Volk.

100 000 wurden erwartet.

Enttäuscht?

Vor allem von diesem Arrangement. Die Polizei diktiert den Ablauf. Schon Stunden vorher blockiert sie die halbe Innenstadt. Der Platz zwischen Oper und Gewandhaus gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Parcours sind vorbereitet, die entlang sich die Demonstranten Hacken ablaufen und Kehlen heiser brüllen. Brüllen müssen, wenn sie sich hören wollen.

Sind Tote und Verletzte eine Option?

Die könnten das System in Frage stellen. Die scheinheilige Anteilnahme unserer Anführer:innen an der wachsenden Ungleichheit hier im Land und weltweit. Was für eine Wachstumsgesellschaft!

Sarkasmus …

… ist keine Lösung, ich weiß. Aber ich sehe keine, nicht aus dem Volk heraus, nicht aus diesem und aus keinem anderen. Unter Kontrolle soll es bleiben …

… und wird die Zeche bezahlen.

Wie gehabt. 1,7 Millionen Euro koste der heutige Einsatz den Steuerzahler, steht in der LEIPZIGER VOLKSZEITUNG. Ist das der Preis der Demokratie?

Ja.

Und wie beziffern Sie die Folgen der Gewalt, die ohne diesen Aufwand droht?

Nicht in Geld, sondern in Zeit. In verlorener Zeit.

Ich denke, Zeit ist Geld?

Nur in fatalen Ökonomien.

Die leider momentan die Menschenwelt beherrschen.

Ja.

Und die Vernunft? Hat sie in diesen Zeiten eine Chance?

Sie hat sie stets. Sie hat sie mit und ohne uns. Sie ist ein kosmisches Produkt. Sie ist kein Privileg. Sie ist nicht zu Diensten. Sie ist eine Aussicht.

Doch auf dem Schlachtfeld aussichtslos.

Was haben wir vor Augen? Zwei Volksversammlungen, die, von Staatsgewalt auseinander gehalten, das Gleiche umtreibt. Beide und sogar die Staatsgewalt könnten jetzt, an Ort und Stelle, im Austausch eigener Erfahrungen und Wahrnehmungen herausfinden, dass es ebenso unmöglich ist, Nöte, wo auch immer, auszugrenzen, wie es tragisch ist, sie, woher auch immer, empathisch zu empfangen.

Sie werden das Abendland und unseren Wohlstand aushebeln?

Ja.

Die Nöte?

Ja.

„Sachsen öffne dich!“, steht auf einem Plakat der Offenherzigen. Erinnert mich an: „Sesam öffne dich!“ Ein Zauberspruch, der eine Räuberhöhle öffnet!

Mit Schätzen voll. Über die geredet werden muss. Und über Räuber und Beraubte.

Mit Journalist:innen? Politiker:innen? Expert:innen?

Mit dem Volk?