pandemische Zeiten 1

Vor fast genau drei Monaten wurde in Deutschland der erste COVID-19-Infizierte registriert. Heute sind es über 60 000 und weltweit über drei Millionen in fast allen Ländern. Im Freien sind so wenige Menschen wie lange nicht unterwegs. In Städten kann man Vögel zwitschern hören. Der Himmel ist weniger trüb. Flughäfen und Bahnhöfe sind ebenso leer wie Kneipen, Kinos, Konzertsäle, Sportarenen. Das Sinnlosreisen ist gestoppt. Die Freizeit- und Vergnügungsindustrie liegt global darnieder. Universitäten, Schulen und Erziehungsanstalten sind geschlossen. Kurzarbeit und Homeoffice bremsen die Wirtschaft ab. Bewegung ist eingeschränkt. Abstand und Mund-Nasen-Schutz sind geboten.

Fast „alle Räder stehen still“, nicht weil ein „starker Arm es will“, wie Georg Herwegh 1863 in seinem „Bundeslied für den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein“ dichtete, sondern weil ein Virus aus der Corona-Familie sich den Menschen ausgesucht hat, um die Welt zu erobern. Mit Erfolg.

Wie lebt es sich in diesem Szenario als Siebziger? Mehr als bisher allein, aber das fällt mir nicht schwer. Ich habe ja Radio, Fernsehen, Telefon und Internet. Ich habe eine absehbar sichere Altersrente und eine gut zugängliche grüne Umgebung. Ganz unerwartet entschädigen mich zudem zwei kürzliche Augen-OPs, nach denen ich so gut sehen kann, wie ein Viertel Jahrhundert nicht mehr: ohne Brille und klarer und farbenreicher; seit Jahren wieder den nächtlichen Sternenhimmel in seiner Pracht! Lesen ist wieder ein Vergnügen.

Wie wird es im Großen und Ganzen weitergehen? Niemand weiß das, nicht der klügste Virologe, nicht der mächtigste Politiker, nicht der cleverste Unternehmer, niemand. Das hält die Verunsicherung aufrecht und das Risiko für Entscheidungen. Das ist aber auch die Chance einer globalen Demokratisierung, die ich nicht mehr für möglich gehalten habe.

Die Pandemie mag für die Industrieländer und ihre neoliberale Ökonomie ein Worstcase sein. Andererseits schafft sie einen Durchblick auf den Sinn und die Zukunftsfähigkeit unseres globalen Verwüstens und Gestaltens. Auf einmal finden wir uns alle miteinander auf Augenhöhe wieder, trauen uns zu oder sind dazu gezwungen, in unser vermeintlich alternativloses System einzugreifen. Das beiseite geschobene Gemeinwohl rückt wieder in den Mittelpunkt unserer Sorgen, Mühen und Absichten. Vorübergehend, ist zu befürchten.