Karl Popper

Der österreichisch-britische Philosoph Karl Raimund Popper (1902-1994) hält die Zukunft für offen. In jungen Jahren imponiert ihm Albert Einstein, der seine Theorien so in die Welt setzt, als sei er gar nicht auf ihre Bestätigung aus sondern voller Neugier, wer sie ihm und wie widerlegen wird. Das  Wechselspiel von Vermutung und Widerlegung hält Popper fortan für den einzig akzeptablen Weg der Erkenntnis. Hinzu kommt die Erfahrung einer Straßenschlacht im Wien des Jahres 1919, bei der acht seiner Kameraden von der Polizei erschossen werden. Von da an bezweifelt der bis dahin vom Kommunismus beeindruckte die Berechtigung gewaltsamer Aktionen für eine Gesellschaftsutopie und gewinnt die Überzeugung, dass Geschichte weder gesetzmäßig noch planbar ist.

Wissen als Wiederholung von Bekanntem langweilt ihn. Am liebsten schiebt er es ins Unterbewusste: Mag es dort mit dem Vergessen konkurrieren. Lernen will er als Abenteuer haben, erregend und aktivierend, um zu entdecken und Hypothesen zu wagen, je riskanter, desto besser. Wie etwa die Annahme, dass jede Lebensform nicht nur dank ihrer ökologischen Nische existiert, sondern sie diese Nische zugleich, im eigenen Entstehen, erschafft.

Poppers Leitgedanke, den der Einundneunzigjährige bei einer Vorlesung noch einmal fixiert, ist das 3-Welten Modell. Welt 1 umfasst den physischen Kosmos, Welt 2 enthält die menschlichen Bewusstseinsvorgänge und Welt 3 birgt die Schöpfungen des menschlichen Geistes, wozu er Mythen, Theorien, Argumente und Fehler zählt.

„Meine Hauptthese ist, dass es auch Objekte gibt, die nur der Welt 3 angehören; zum Beispiel ein noch nicht entdeckter Beweis, an dem ein Mathematiker heute arbeitet und den er morgen entdecken wird. Morgen wird dann der Beweis zu den beiden Welten 2 und 3 gehören, und wenn er niedergeschrieben ist, auch zur Welt 1.“

Die Existenz von Welt 3 verhindert die kausale Abgeschlossenheit von Welt 1. Dann sind wir mehr als nur eine spektakuläre Wucherung, schicksalhaft oder fremdbestimmt darin untergebracht oder ausgeliefert. Welt 3 ist kein intellektueller Übermut, sondern ein grandioser Schöpfungsakt, einzig mit dem Ziel, der menschheitsbesetzten Nische Erde eine Zukunft zu sichern. Aus ihm leitet Popper die Notwendigkeit einer offenen und pluralistischen Gesellschaft ab.

Heftig kritisiert er Platons „Politeia“ (Der Staat) und „Nomoi“ (Die Gesetze), die totalitäre Regime proklamieren, die jede Veränderung fürchten und den eigenen Untergang ihrer Selbstherrlichkeit zuliebe in Kauf nehmen. Hegel hält er für einen skrupellosen Handlanger des preußischen Staates. Marx hält er vor, sich Hegels dialektischer Methode bemächtigt und daraus ein deterministisches Geschichtsbild entwickelt zu haben, das, wie bei Platon, in einer geschlossenen Gesellschaft endet.