Jean Ziegler

Der Schweizer Soziologe und Schriftsteller Jean Ziegler (1934) war jahrelang Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung. In dieser Mission bereiste er die Welt und wurde zum heftigen Kritiker der „kannibalistischen Weltordnung“, die das Ergebnis der Ideologie des Neoliberalismus ist, ein von Menschen in die Welt gesetztes Monster, gegen das der goethesche Homunculus oder die Kreatur der Mary Shelley in “Frankenstein” ein Kinderspaß ist. Die Ursprünge dieses Auswuchses leitete Ziegler aus der vor 500 Jahren beginnenden Kolonialzeit ab.

Ohne Kolonialismus, analysierte Karl Marx im „Kapital“, wäre das Gefälle zwischen Arm und Reich längst nicht so groß: “Überhaupt bedurfte die verhüllte Sklaverei der Lohnarbeiter zum Piedestal die Sklaverei sans phrase in der neuen Welt.[…] Welthandel und Weltmarkt eröffnen im 16. Jahrhundert die moderne Lebensgeschichte des Kapitals. Der außerhalb Europas direkt durch Plünderung, Versklavung und Raubmord erbeutete Schatz floss ins Mutterland zurück und verwandelte sich hier in Kapital.”

Alsdann entlarvte Ziegler die konzertierten Aktionen globaler Konzerne und des internationalen Finanzkapitals als Neokolonialismus (der heute effizienter und brutaler agiert als jeder seiner blutrünstigen Vorfahren) und die vermeintliche Sorge der westlichen Industrienationen um die Dritte Welt als schamlose Heuchelei.

„Die westliche Weltordnung beruht auf struktureller Gewalt. Der Westen geriert sich als Träger universeller Werte, einer Moral, einer Kultur, von Normen, kraft deren alle Völker der Welt aufgerufen sind, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Doch dieser jahrhundertealte Anspruch des Westens wird heute von der überwältigenden Mehrheit der südlichen Völker in Frage gestellt. Sie sehen darin einen unerträglichen Beweis für Anmaßung, eine Vergewaltigung ihrer Identität, eine Verleugnung ihrer Besonderheit und ihrer Erinnerung.“

In seinem Buch „Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren“ (2009) zitiert Jean Ziegler den 1999 zum algerischen Präsident gewählten und 2009 mit 90 Prozent der abgegebenen Stimmen im Amt bestätigten Abdelaziz Bouteflika, der 1974/75 Präsident der UN-Generalversammlung war: “Es muss die Zeit kommen, da die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit wiedergutgemacht und damit die Funktions- und Gleichgewichtsstörungen eines Systems beseitigt werden, das unbarmherzig auch weiterhin den Mächtigsten zu noch mehr Reichtum verhilft und die Schwächsten in alle Ewigkeit zum Elend verurteilt.”

Zieglers Credo ist ein Zitat von Bertolt Brecht aus seinem epischen Theaterstück „Leben des Galilei“, mit dem er sein 2015 erschienenes Buch „Ändere die Welt!“ eröffnet: „Ja, ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft über die Menschen. Sie können ihr auf die Dauer nicht widerstehen. Kein Mensch kann lange zusehen, wie ich […] einen Stein fallen lasse und dazu sage: er fällt nicht. Dazu ist kein Mensch imstande. Die Verführung, die von einem Beweis ausgeht, ist zu groß. Ihr erliegen die meisten, auf die Dauer alle.“

Nur zwei Jahre später sagt der mit so viel ermutigender Zuversicht gesegnete, inzwischen Zweiundachtzigjährige: “Wir stehen an der Abbruchkante der Zeit. Es könnte durchaus sein, dass die neue planetarische Zivilgesellschaft den Kampf verliert und dass die xenophoben, rechtsextremen Kräfte den Kampf gewinnen, wenn wir uns nicht mobilisieren und zwar sehr schnell.”