Inseln

„Struktur der Materie“ hieß im fünften Semester meines Lehrerstudiums eine Physikvorlesung, die mich nicht sonderlich interessierte. Zum Lehrerberuf überredet, dachte ich vielmehr darüber nach, ob ich dieses Studium zu Ende bringen oder versuchen sollte, der Volksbildung, ein Staat im Staate DDR, zu entwischen. Ein Wechsel in ein anderes Studium – Kulturwissenschaft interessierte mich – wurde abgelehnt. Lehrer wurden gebraucht und Einsicht in gesellschaftliche Notwendigkeit wurde eingefordert. Mein Interesse an Kunst, Kultur und kreativer Sprache sollte ich zum Hobby machen.

Ich simulierte Gehorsam und legte mich hinterrücks ins Zeug, so lange, bis ich Student am Leipziger Literaturinstitut war, eine Stätte nach sowjetischem Vorbild, um literarisches Talent in ‚richtige‘ Bahnen zu lenken. Das gelang nicht häufig, aber in diesen Jahren entdeckte ich eine Parallele zwischen der Art und Weise, wie Materie sich strukturiert und meinen Bemühungen um das eigene Leben.

Beide hatten nämlich keinen Sinn. Mein Leben bekäme ihn erst dann, wenn es mir gelänge, ein Ziel zu finden, auf das hin sich Fragen ergäben, deren Antworten mich zu Entscheidungen bringen könnten, was ich tun oder besser lassen sollte. Danach wäre zu prüfen, ob mein Handeln mich dem Ziel näher gebracht hatte oder ob ich andere Wege finden oder ob ich das Ziel modifizieren müsste.

Mindestens so klar war die Alternative, die darin bestand, sich ziemlich zuverlässig im eigenen Leben zu verlaufen und in einem Weltgeschehen, in dem de facto alles auf nichts hinauslief, zufällig und belanglos zu bleiben. Aus dieser Perspektive erschien mir mein Dasein und der Ort, der es ermöglichte, wie eine Insel im kosmischen Tanz, wie die beständige Suche nach einer Balance, die immer wieder neu gefunden werden muss, um am Leben zu bleiben.

Ist aber das das Ziel, so ist der Clou, dass das – und zwar von vornherein vor allem hinten heraus – nicht ausreichen kann. Mein Leben muss – und die Frage stellte sich sofort, ob diese Einsicht tatsächlich von mir ausging oder durch eben mein Dasein auf mich traf wie ein gezielter Pfeil – über mich hinausreichen. Nur dann könnte ich in ihm und mit mir zufrieden sein. Nur wenn mein Leben alles andere und alles künftige Leben betrifft.

So kam ich darauf – erst probehalber, dann pflichtgemäß – regelmäßig die eigene Perspektive zu wechseln und die Welt und mich aus anderen Perspektiven anzusehen. Anfangs war das ein aufregendes Spiel, bis ich, was kein Widerspruch ist, dahinter den Ernst der Lage erkannte, begriff, verstand – in genau dieser Reihenfolge. Ist es nicht so, dass sich nur auf diese Weise kosmische Inseln stabilisieren lassen? Gegen Ziele sichern lassen, die Dasein aufs Spiel setzen, das eigene und jedes andere und künftige?

Ein Sonnensystem mit einem Planeten und einer Balance, in der sie sich jahrmilliardenlang ausdifferenzieren kann, ist demnach eine strukturelle Insel, mit der Materie ihrem Sinnlossein entkommt, um – schlussendlich! – ein Etwas hervorzubringen, das in der Lage ist, sich zu erkennen. Mit Begriffen wie Verantwortung, Kooperation oder Demokratie, die ins Zielfeld des Daseins kommen, um sich gegen Begriffe wie Konkurrenz, Gier und Hierarchie zu behaupten, womit, wenn es gelänge, dieses Etwas seine Zufälligkeit verlöre und das Grenzenlose. Dann ist es nicht mehr der Anfang, dem ein Zauber innewohnt, sondern das Ende, das ihm winkt.