gut ist besser

Gewissenhaftes Hören auf das und Lesen von dem, was Leute reden und schreiben, bringt erstaunlich gut zutage, wie eine Gesellschaft ‚tickt‘ und wes Geistes Kind ihre Anführer*innen sind. Das wissen wir am Beispiel des deutschen Nationalsozialismus seit „LTI“, seit dem grandiosen Notizbuch des Philologen Victor Klemperer. Wünschenswerter denn je wäre so ein Werk heute, wo eingeübte Alltagssprache wiederum bedenkliche Zustände vertuscht, deretwegen wir – wenig spricht dagegen – wahrscheinlich gerade unsere Zukunft verspielen.

Beispielsweise unserer Überzahl wegen, mit der wir eine wesentliche Grenze schon überschritten haben. Sie geht einher mit einer Wachstumsökonomie, die bei noch so großer Sparsamkeit und wissenschaftlich-technischer Innovation die ebenso begrenzten irdischen Ressourcen unwiderbringlich aufbraucht. Schließlich, als Drittes, blüht nicht nur hierzulande ein neuer Nationalismus auf, der alle zaghaften und so bitter notwendigen Bemühen um gemeinschaftliches Denken und Handeln im Keim zu ersticken droht.

Noch weiter zurück als meine Lektüre von „LTI“ reichen die im Deutschunterricht erlernten drei Steigerungsformen von Adjektiven, wie zum Beispiel laut, lauter, am lautesten oder schnell, schneller, am schnellsten. Oder gut, besser, am besten. Nur wird gut in Zeiten ständiger Beschleunigung und grassierender Oberflächlichkeit zum knappen Gut. Das aber darf es in einem mit erstaunlich viel Dummheit ausgeklügelten System nicht werden, das unsere ewige Träumerei vom Überfluss nach wie vor hochhält.

Überfluss war noch niemals ein Gemeingut und wird es niemals sein oder werden können, denn so funktionieren Natur und Leben nicht. Das wissen wir doch? Auf keinen Fall aber wollen wir es wahrhaben, und so entlarven wir unsere Mutlosigkeit, den tatsächlichen Zusammenhängen ins Auge zu blicken, zum Beispiel mit der Flucht in den Komperativ. Wenn alles besser wird, brauchen wir nämlich nichts mehr wirklich gut zu machen. Und nichts mehr muss gut werden, weil … Weil?

Weil alles immer besser wird! Oh weil oh weile eile heile Welt …