Fußabdrücke

Seit wir uns von den Bäumen herunter gehangelt haben, seit wir durch Steppen und Wälder getobt und geschlichen sind, seit wir Breschen in die Landschaft schlagen und, sie durchhastend, Fortschritt feiern, gehen wir nun daran, unsere Bewegungsunterlage dermaßen zu zertrampeln, dass uns buchstäblich kein Kraut mehr wächst. Mein erstes Interesse am eigenen Fußabdruck verdanke ich James Fenimore Cooper, dessen Romane über den geschickt zwischen Natur und Zivilisation wandelnden Waldläufer Natty Bumppo, genannt Lederstrumpf, ich mit Vierzehn verschlang. Mich begeisterte seine Fähigkeit, aus den Spuren unlängst Vorübergegangener ihre körperliche und seelische Verfassung zu lesen, sogar ihre Absichten oder Nöte.

Das Konzept für den ökologischen Fußabdruck entwickelte der Schweizer Stadt- und Regionalplaner Mathis Wackernagel gemeinsam mit dem kanadischen Wissenschaftler William Rees. Im Jahr 1994 berechneten sie das erste Mal die Fläche, die ein einzelner Mensch benötigt, wenn er wohnt, sich ernährt, kleidet, Energie erzeugt, Ressourcen verbraucht, Rückstände unterbringt oder regeneriert.

Im Jahr 2003 gründete Mathis Wackernagel das „Global Footprint Network“, das von den Einzelberechnungen auf die Situation der Menschheit schließt. Prominente Unterstützter dieses Netzwerkes sind Wangari Maathai, kenianische Trägerin des Friedensnobelpreises, Lester Russell Brown, amerikanischer Umweltanalytiker, der 1974 in Washington das unabhängige und interdisziplinäre „Worldwatch Institute“ zur Erforschung nachhaltiger, umwelt- und sozialverträglicher Technologien ins Leben rief und auch der deutsche Naturwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker. In einer Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen beschäftigt er sich mit Ressourceneffizienz und spricht im Ergebnis dieser Untersuchungen uns Europäern das moralische Recht ab, Chinas Umweltsünden anzuprangern, solange die Rückgewinnquote von Hochtechnologie-Metallen unter einem Prozent liegt. Verständlich wird das, wenn ich weiß, dass beispielsweise in einer Tonne Handyschrott 50 mal so viel Gold steckt wie in einer Tonne Golderz aus Südafrika.

“Um eine Welt zu schaffen, in der jeder ein erfülltes Leben innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten leben kann, [müssen sich] unsere Wirtschaftsweise, die Organisation unserer Gesellschaften, unsere Energiegewinnung und unsere Lebensweisen dramatisch verändern”, lesen wir auf der Homepage des „Global Footprint Network“. Das ist weder Panikmache noch Wunschdenken, sondern ergibt sich logisch aus der brisanten Tatsache, dass im Moment ein Mensch im globalen Durchschnitt 2,7 Hektar Erdoberfläche für sich benötigt, obwohl pro Kopf nur 1,8 Hektar – ein Quadrat mit 134 Meter Seitenlänge – zur Verfügung stehen.

Im Augenblick leben wir also weit über unsere Verhältnisse und werden, wenn wir das nicht ändern, in sehr absehbarer Zeit den Boden unter uns plattgemacht haben. Wäre es nicht das Einfachste, die immerfort wachsende Anzahl der Menschen zu verringern? Denen, die selbst nicht genug zu beißen haben, Nachkommen zu verbieten? Soviel Entwicklungshilfe muss doch möglich sein? Allerdings wissen wir, dass der ökologische Fußabdruck eines Zentralamerikaners 1,7 Hektar, eines Pazifik-Asiaten 1,6 Hektar und eines Afrikaners sogar nur 1,4 Hektar misst. Spitzenmäßige Quanten haben dagegen die Nordamerikaner mit 6,2 Hektar und die EU-Europäer mit 4,7 Hektar. Auch der AufTritt der Japaner und Israelis mit 4,2 und 4,0 Hektar lässt sich sehen. Wenn wir Europäer jedem weltweit zugestehen, was wir uns selbst gönnen, sind mehr als zwei Erden notwendig, und es sind genau die Staaten und Regionen mit der größten technologischen Innovation und dem höchsten Wohlstand, die die lebenswerte Existenz eines jeden Erdenbürgers verhindern. Anstatt sich dieser Fehlentwicklung zu stellen, fahren wir fort, die planetare Deutungs- und Regulierungshoheit für uns zu beanspruchen und gnadenlos zu verteidigen.

Solange an Zukunft aber nur aus nationaler, monetärer oder privatunternehmerischer Perspektive gedacht wird, solange nur Zeigefinger belehrend, bedrohend oder moralisierend gehoben werden und nur darüber ‘getalkt’ wird, ob mit den durchaus vorhandenen technologischen Errungenschaften und ethischen Maßstäben die Menschheit ausbalanciert werden kann oder darf oder soll, ist das Argument, es dürfe angesichts der überaus komplexen Verflechtungen in Natur und Gesellschaft nichts übereilt werden, nichts als der Versuch, den heiklen Augenblick, in dem es uns so gut geht, in die Länge zu ziehen. So lange sind Windräder, Solarzellen, Hungerhilfen, Klimagipfel, Sparpakete und Rettungsschirme keine achtbaren Wegzeichen, sondern dekorieren nur den Platz, dem wir auf so großem Fuße nicht entkommen werden.