Es war einmal ein Wald

„Il était une forêt“ („Es war einmal ein Wald“) heißt ein französischer Dokumentarfilm nach einer Idee des Botanikers und Regenwaldforschers Francis Hallé. Verfilmt von Luc Jacquet („Die Reise der Pinguine“) lief er 2014 als „Das Geheimnis der Bäume“ in den Programmkinos. Der Originaltitel ist besser. Bäume sind noch kein Wald. Um ihn, um dieses in Jahrmillionen ausgereifte komplexe System, geht es im Film hauptsächlich und wie er sich Zeit und Lebensraum gesichert hat.

Auch bleibt der deutsche Titel an der Täuschung haften, der wir erliegen, wenn wir in Bäumen gern die Vorbilder für unsere sozialen und ökonomischen Strukturen sehen. Tatsächlich agiert kein Baum von der Spitze oder den Wurzeln her. Jeder lebt aus der Durchdringung all seiner Bestandteile, der Verknüpfung mit den ihn umgebenden Lebewesen und breitet sich als Ganzes zu einem Meisterwerk der strategischen Defensive aus.

Bisher hatte ich keine brauchbare Erklärung dafür, warum sich Natur differenziert. Mit der Wechselwirkung zwischen Passionsblume und Heliconiusschmetterling, die Francis Hallé im Film zur Sprache bringt, ergibt sie sich en passant:

Im Wald hat die Passionsblume nur einen einzigen Feind: die Raupen der Heliconiusschmetterlinge, die sich seit Generationen von ihren Blättern ernähren. Eines Tages wurde die Passionsblume durch zufällige Mutation hochgiftig. Befreit von ihrem Fressfeind gedieh diese neue Art der Liane nun prächtig. Nach einiger Zeit tauchte eine neue Raupenart auf, die gegen das Gift der Liane immun war. Der Schmetterling aber wurde selbst giftig für seine Feinde.

Ungestraft machte sich dieser neue Heliconius daran, die Passionsblumen zu vernichten. So entstanden wieder neue Lianenarten. Sie änderten die Form ihrer Blätter, um die Schmetterlinge zu täuschen. Der Trick funktionierte perfekt, bis der Schmetterling eine Blume mit derart guten Pollen entdeckte, die es ihm ermöglichten, länger zu leben. Lange genug, um die getarnten Blätter der Passionsblume zu erkennen. Es tauchte eine neue Passionsblume auf. Sie begann, falsche Eier zu produzieren, um dem Schmetterling vorzugaukeln, sein Platz sei schon vergeben.

Hier höre ich auf. Durch dieses Spiel von Angriff und Verteidigung entstanden 45 Heliconius-Arten und 150 Arten der Passionsblume. Und das in nur einigen Jahrzehnten. Millionen von Arten, kleine und große, erblicken auf gleiche Weise das Licht der Welt. Viele einzelne Geschichten, die Teil der großen Geschichte des Waldes sind.“

Die Differenzierung durch Mutation bringt demnach nur einen verschwindend kleinen Teil der Biodiversität hervor. Der überwiegende Teil ergibt sich aus der Wechselwirkung der Arten. Das erscheint mir viel plausibler als die auf den Deus ex Machina angewiesene These der Entwicklung vom Niederen zum Höheren.

Bei genauem Hinsehen führt der Wald dem Menschen vor, wie er besser mit sich selbst und ihm natürlich umgehen sollte. Nichts ist uneigennützig in der Natur und nichts nur auf sich bezogen. Wie er dasteht, der Wald, repräsentiert er eine ‘natürliche Intelligenz’, die wir auf der kurzen Strecke unserer eigenen Entwicklung weitgehend verloren haben.

Es wäre gar nicht so seltsam, wenn sich irgendwann herausstellt, dass der Zeitspeicher Wald sich nicht nur die Tiere für seine Zwecke ‘zurechtmacht’, sondern auch, zum beiderseitigen Vorteil, den Menschen und wir   – von welchen Teufeln auch immer geritten – soeben im Begriff sind, diese Symbiose zu kappen.