Kunstreise nach Venedig 1

Nach Bekanntschaft mit der Kasseler documenta der Jahre 2007, 2012 und 2017 und der diesjährigen Biennale di Venezia kann in schnelllebigen Zeiten von einer gewissenhaften Sichtung keine Rede sein. Aus den Stippvisiten Tendenzen ableiten oder gar Prognosen zur Rolle und Bedeutung von Gegenwartskunst geben zu wollen, würde nicht einmal professionellen Kennern gelingen. Aber ich bemerke, dass sich die Welt unseretwegen messbar und spürbar verändert. Ich bemerke, wie sich daraus auch veränderte Wahrnehmungen ergeben, von denen ich nicht weiß, wie sie sich auf mich, auf die Gesellschaft und auf meine Umgebung auswirken werden.

Um diesen Wahrnehmungen nicht nur ausgeliefert zu sein, erscheint es mir notwendig,  WeltBilder kreativer Menschen anzusehen und die eigene Perspektive zu wechseln. Wie verarbeiten sensible MenschenWesen in anderen Gegenden die Vibrationen, die sie selbst hervorrufen und auf die zu reagieren der Planet gezwungen ist. Er tut es in einem Ausmaß und in einer Komplexität, von dem und von der wir alle nur hoffen können, in kürzester Zeit so viel zu verstehen, dass eine lebenswerte Zukunft möglich bleibt.

Die documenta zeigt mir vor allem periodische Reibungen der Kunst an einer Weltgegend, in der jahrhundertelang auf Kosten anderer gelebt wird, in der im Übermaß Ressourcen verbraucht werden, die eigentlich anderen zustehen und in der eine Umverteilung von Wohlergehen geschieht, die alle Exzesse vergangener Epochen in den Schatten stellt. Der fünfjährliche Zyklus der Dokumentationen sorgt aber dafür, dass die Sensibilisierung für die bedenkliche Lage in homöopathischen Dosen geschieht und die Beunruhigung kaum über das Ausgestellte hinausreicht oder gar nur darauf bezogen wird. In dieser Hinsicht ist Venedig, die vielleicht älteste künstliche Stadt der Welt, deutlich im Vorteil und bietet gleich dreifachen Zugang zum KunstWeltGeschehen.

In den Giardini, eine wunderschöne Parkanlage im Sestiere Castello, dem größten und östlichsten der sechs Stadtteile, die Napoleon dort anlegen ließ, wo zuvor Spitäler und Pflegeeinrichtungen verletzte und kranke Seeleute versorgten, präsentieren 28 Länder in eigenen Pavillons nationale Schauen. Ein Zentraler Pavillon greift gleichzeitig das Biennale-Motto auf.

„Viva Arte Viva“ lautet es 2017: Es lebe die Kunst, sie lebe! Damit will die französische Kuratorin Christine Macel die Kunst und die Situation der Künstler ins allgemeine Bewusstsein rufen. Weil „heute angesichts weltweiter Konflikte und Verwerfungen“ insbesondere die „Kunst Zeugnis vom wertvollsten Anteil dessen ablegt, was uns menschlich macht“. Weil „die Rolle, die Mitsprache und die Verantwortlichkeit der Künstlerinnen und Künstler im Zusammenhang zeitgenössischer Debatten als entscheidende Faktoren“ erscheinen. Weil durch die „individuellen Einsätze die Welt von Morgen eine wenn auch sicherlich noch ungewisse Gestalt gewinnt, für die Künstlerinnen und Künstler oft ein besseres Gespür bewiesen haben als andere“.

Gleichfalls im Stadtteil Castello liegt Arsenale, das Gelände der einstigen Schiffswerft Venedigs, die vor dem Zeitalter der Industrialisierung der größte Produktionsbetrieb Europas war. Im langen Gebäude der Corderie, der Seilerei, führt Christine Macel den Besucher durch neun TransPavillons, ausgehend von der Innerlichkeit im „Pavillon der KünstlerInnen und Bücher“ bis hin zum „Pavillon der Zeit und der Unendlichkeit“. Dazwischen liegen der „Pavillon der Freuden und Ängste“, der „Pavillon der Gemeinschaft“, der „Pavillon der Erde“, der „Pavillon der Traditionen“, der „Pavillon der Schamanen“, der „dionysische Pavillon“ und der „Pavillon der Farben“. Darüber hinaus finden sich 23 weitere Nationenausstellungen im Arsenale.

Das dritte KunstGelände ist die Stadt selbst. 36 Länder, die in den Giardini oder in Arsenale nicht oder nicht ausreichend unterkamen, haben über ganz Venedig verstreute Räumlichkeiten angemietet. Selbst einen GuideGeführten überraschen sie zumeist in Gassen, an Kanälen oder auf Plätzen. Auf mich wirken sie, einmal entdeckt, ertappt oder einladend oder auflauernd.

eine Erinnerung

Anfang der 1970er Jahre las ich in den „Ästhetik-Vorlesungen“ von Mossej Kagan über die kulturelle Dimension des Menschen, über die Kultur als „ein eigenartiger, auf bestimmte Weise strukturierter Filter, bei dessen Passieren die Natur vermenschlicht und die Gesellschaft zum sozialen Wesen des menschlichen Daseins wird“. Kultur sei „eine Schöpfung des Menschen und gleichzeitig sein Schöpfer“. Ein Menschenkind sei am Anfang des Lebens nicht mehr und nicht weniger als ein ‚Kandidat‘, der sich erst im Prozess seiner Sozialisation zum menschlichen Menschen qualifiziert. Dieser MenschenKandidat, jeder Menschenkandidat, sei aus diesem Grund auch mit allem ausgestattet, das ihm ermöglicht, Künstler/Künstlerin zu sein. Ob Kagan eine Antwort auf die Frage gab, warum es die Wenigsten tatsächlich werden, weiß ich nicht mehr.