Ehrlichkeit

In einer Videokonferenz zur europäisch-afrikanischen Zusammenarbeit sagt heute der deutsche Bundespräsident, es liege auch in Europas Interesse, dass Afrika die Pandemie so rasch wie möglich hinter sich lassen könne – aus „humanitären, medizinischen, epidemiologischen und politischen Gründen“.

Am vergangenen Sonntag gaben bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt von den Wahlberechtigten 60 Prozent ihre Stimme ab, 41 Prozent für die Systemparteien CDU, DIE LINKE, SPD, GRÜNE und FDP. Den deutlich größeren Block bilden die Nichtwähler, die AfD und andere Gruppierungen mit 40 plus 13 plus 6 Prozent. Warum lese ich das nirgends, sondern muss es mir selbst ausrechnen?

Liege ich falsch in der Annahme, dass die, die sich das Recht geben (lassen), das Sagen zu haben, kein Interesse an einer Ehrlichkeit haben, die Fragen aufwirft, die unbequem ist? Weil sie nachdenklich stimmen könnte? Weil Nachdenklichkeit, so die herrschende Meinung, Ruhe und Ordnung stört – und den Fortschritt vor allem! Ein Fortschritt, der in einem wachsenden Wohlstandsgefälle, nur noch zur Heilslehre taugt.

Warum weiß ich, warum spüre ich sofort, dass Herrn Steinmeiers Aussagesatz eine Floskel ist – und unehrlich? Weil ich eine andere Wirklichkeit wahrnehme. Dass seine adjektivische Aufzählung semantisch schlampig ist, ist noch keine große Sache. (Die Epidemiologie ist ein Unterbereich der Medizin.) Hingegen stecken in der gewählten Reihenfolge und einer Weglassung ganz bewusste Unehrlichkeiten. Nicht dass ich ihm eine gute Absicht missgönne, aber er selbst weiß doch am besten, dass er so die vorhandene Wirklichkeit kaschiert und die absehbare nur verschlimmert.

Tatsächlich ist für ein Europa all der Steinmeiers der politische Grund der wichtigste, gar nicht mal angetrieben von Ideologie aber von Technologie, von einer Ökonomisierung der Welt, für die Politik nur noch ein Handlanger ist. Insofern gehören in die adjektive Reihe allen anderen voran die „wirtschaftlichen“ Gründe. Humanitäre Gründe wären zweifellos die wünschenswertesten, leider sind sie längst in Heuchelei und Schönrederei ruhiggestellt. Systemisch und in der daraus folgenden Realität haben sie nur noch dekorativen Charakter.

Herr Steinmeier ist weder naiv noch unpolitisch, sondern der verlässliche Lobbyist einer Menschheit, wie sie sich bisher sortiert hat und bleiben soll, mit Induistrienationen als den globalen Bestimmern, die die Welt aus ihrer Perspektive ordnen und genau definierte Mindertheitswohlstände von Mehrheitsnotlagen abgrenzen und, koste es, was es wolle, in die Zukunft retten wollen – immer nur das nötigste teilen und möglichst überall herrschen.

Ob mir das gefällt, ist nicht die Frage. Was daraus folgt, wird mich kaum noch betreffen. Warum dann interessiert mich so sehr, wer oder was mit der Ehrlichkeit verschwindet – und vor allem wohin?