Dorothea Wild

Die in Bern geborene und als Kind mit der Familie ins kurhessische Cassel übergesiedelte Apothekerstochter Dorothea Wild (1793-1867) gibt an einem frühlingsmilden Märzabend des Jahres 1811 im elterlichen Garten im Kreis junger Leute, zu denen auch Wilhelm und Jacob Grimm gehören, ihre Version der regional bekannten Mär von einem nichts Gutes verheißenden Männlein namens Rumpelstilz zum Besten. Ihr Vortrag ist keine Alberei, sondern eine – Anwesende eingeschlossen! – vielschichtige Anspielung auf bewegte Zeiten, in denen sich die von Wortwitz und Geistesblitz nur so sprühende kleine Gesellschaft behaupten muss.

Cassel ist dazumal Hauptstadt des Königreichs Westphalen, die bis dato kühnste Staatsgründung auf deutschem Boden, inszeniert ausgerechnet vom Imperator Napoleon Bonaparte, dessen jüngster Bruder Jérôme die Vision verwirklichen soll. Dem gemäß knistert es im Volk und in der Ständeordnung, als hätte Alessandro Volta höchstpersönlich die Atmosphäre aufgeladen.

Mit der Rechtordnung des vom französischen Bürgerbewusstsein geprägten „Code Napoleon“ und einem modernen Finanzsystem soll der Bevölkerung zwischen Wetzlar, Osnabrück und Magdeburg bisher ungekannte Freiheit, Gerechtigkeit  und ein allgemeiner Wohlstand zuteil werden. Nichts weist darauf hin, dass die in Cassel beheimateten und mit Napoleons Entwurf sympathisierenden Gebrüder Murhard, die sieben und acht Jahre älter als die Grimm-Brüder sind, im Umkreis der Wildschen Familie verkehren, aber Dorothea dürfte sich sehr für sie interessieren.

Im scheinbar harmlosen Märchentext legt sie dem neuen Gedankengut eine Spur, der ich bis hin zu der grandiosen Möglichkeit folge, ein monarchistisches Staatsgefüge nicht durch Revolte zu beseitigen, bei der letzten Endes nur Hierarchien ausgetauscht werden, sondern mit einer Lebensweise, die auf die herkömmlichen Wurzeln der Ungerechtigkeit verzichtet.

Dorotheas Rumpelstilz ist kein gieriger Unhold, sondern ein kläglich an seinem genialen Plan scheiternder Visionär. Mit sinem nicht näher erläuterten Erziehungskonzept hat er vor, nichts weniger als ein Königskind der vorgezeichneten Laufbahn zu entziehen, um sich in unauffälliger Randlage ganz anders zu etablieren.

„Etwas Lebendes ist mir lieber, als alle Schätze der Welt“, ist das Motto des Textes. Mit ihm ist die Hoffnung ausgesprochen, dass eine Idee Gestalt annehmen, sich rhizom ausbreitet und zu einer egalitären Gemeinschaft vernetzen soll, die die dominanten Machtgefüge so lange unterwandert, bis sie untilgbar und unwiderstehlich ist.

Dem fleißigen Sprachforscher Wilhelm Grimm zur Seite, in einem Dreierhaushalt mit Bruder Jacob restlos aufgebraucht, hat ihr eigenes Leben keinen Spielraum mehr.