Demokratie

Mehr als die Herrschaftsform sei für das gesellschaftliche Klima in einem Land die Rechtsprechung ausschlaggebend, sagte, ich erinnere mich gut, Anfang der 1990er Jahre ein Jura-Professor aus dem ‚Westen‘ bei einer Bildungsveranstaltung für kommunale Beschäftigte im Neubundesland Sachsen. Wie die Menschen auf Regelwerke reagieren, verständnisvoll oder zähneknirschend oder aggressiv, hänge zwar von den Gesetzen selbst ab aber ebenso von ihrer Anwendung, davon also, wie abhängig oder unabhängig von der Stellung in der Gesellschaft ein Verhalten be- und verurteilt wird, wie gleich jeder bei Strafmaß und –vollzug vor dem Gesetz ist.

In diesem Sinne, so der Dozent, sei eine Demokratie für ein friedvolles Zusammenleben gar nicht zwingend. Wie sicher und zufrieden ich mein Leben führen kann, hänge zwar vom Wohlstand und seinem Gefälle ab, für den sozialen Frieden entscheidender sei aber, wie unabhängig von meiner gesellschaftlichen Position mein Verhalten beurteilt wird, wie gleich es ist, ob ich obdachlos oder Ministerpräsident:in bin, wie unabhängig von Privilegien und Prominenz und wie immun Behörden und Staatsorgane gegen Korruption und Rechtsbeugung sind.

Also müsste ich so enttäuscht über das System, in dem ich lebe, weil es sich ‚demokratisch‘ nennt, gar nicht sein. Zudem hat ‚Volk‘, um der Wahrheit die Ehre zu geben, noch nie ‚geherrscht‘. Rabatz gemacht immer wieder mal, wenn es ihm zu bunt wurde, doch schnell, so schnell wie möglich, denn was bliebe ihm sonst übrig, zurück in den Alltag gefunden, seine Überlebensbasis. ‚Volk‘ und ‚Herrschaft‘ sind nämlich ein Widerspruch in sich. In dem Moment, wo eine Gemeinschaft sich als ‚Volk‘ erklärt und ihr nur natürliche Grenzen gesetzt sind, gibt es nichts zu beherrschen. Dann muss jedes Individuum nämlich, wie es so schön heißt, ‚zur Decke Strecken‘, will es nicht auf Kosten von anderen leben und sogar, das ist die Utopie, zufrieden leben. Alles Erdenkliche in die Gemeinschaft eintragen, ist der zukunftsfähige Weg in die SelbstVerwirklichung.