Aussicht

Es sieht so aus, als bringe kosmisches Geschehen immer wieder relativ stabile Inseln hervor, die sich im Großen Ganzen als Gleichgewichte oder Balancen zeigen und über Jahrmilliarden behaupten können. In ihnen differenziert und verfeinert es sich weiter und weiter. Was daraus hervorgeht, nennen wir beispielsweise Diversität, Leben, Bewusstsein.

Zugleich wünschen wir uns ‚dahinter‘ einen auslösenden Impuls, eine kreative Idee, eine treibende Kraft. Das gäbe uns Sicherheit. Die es nicht gibt. Nicht so. Nicht auf uns bezogen. Doch wir beschwören sie mit großem Eifer und mobilisieren für Existenzbeweise, für den Grund unseres Selbst und sein Privileg, alle nur erdenklichen Ressourcen.

Umso weniger – oder deswegen? – gelingt uns auf unserer Insel aussichtsreiches Tun und Lassen. Lieber berauschen wir uns – oder können nicht anders? – an bescheidenen Möglichkeiten und der Überzeugung, die Dinge in der Hand zu haben, sobald wir sie ergreifen. An diesem Zugriff. An den Spuren, die wir hinterlassen. Die sich allerdings immer häufiger als hässliche Gebrauchsspuren erweisen, als der Verschleiß von vielem, woraus sich Zukunft bildet. Das wird, fürchte ich, für längeren Verbleib nicht reichen. Dann werden wir im Großen Ganzen so gewandelt, dass wir uns nie mehr wiederfinden.

Inseln

„Struktur der Materie“ hieß im fünften Semester meines Lehrerstudiums eine Physikvorlesung, die mich nicht sonderlich interessierte. Zum Lehrerberuf überredet, dachte ich vielmehr darüber nach, ob ich dieses Studium zu Ende bringen oder versuchen sollte, der Volksbildung, ein Staat im Staate DDR, zu entwischen. Ein Wechsel in ein anderes Studium – Kulturwissenschaft interessierte mich – wurde abgelehnt. Lehrer wurden gebraucht und Einsicht in gesellschaftliche Notwendigkeit wurde eingefordert. Mein Interesse an Kunst, Kultur und kreativer Sprache sollte ich zum Hobby machen. Weiterlesen

anders blicken

Soweit ich weiß, hat es mir schon als Kind gefallen, in besonderen Situationen neben mich zu treten und zuzusehen, was ich da gerade treibe oder wie mir geschieht und das anschließend auszuwerten. Manchmal habe ich mich geschämt, nicht sehr häufig war ich zufrieden mit mir. Nach und nach kam ich darauf, dass ich die Folgen meines Handelns besser absehen kann, wenn ich es zwischendurch vom Standpunkt derer aus betrachte, auf die es sich auswirkt. Weiterlesen

Schubladen

In der Renaissance, einer Epoche, der die Wiederbelebung der kulturellen Leistungen der griechischen und römischen Antike zugeschrieben wird, soll – ganz ohne antikes Vorbild – die Schublade erfunden worden sein. Bis dahin waren Truhen die gängigen Aufbewahrungsmöbel. Der Unterschied ist offensichtlich. In Truhen Verwahrtes ist vertikal geschichtet. Schubladen sind horizontal konstruiert und damit viel müheloser zugänglich. Mit gleichzeitig abnehmenden Rauminhalten entstand eine neue Möglichkeit, das Untergebrachte gleichzeitig zu sortieren. Insofern sind Schubladen eine schlüssige Folge wachsenden individuellen und kleinteiligen Besitzes. Sie halten ihn übersichtlich und sind ein Indiz für eine Vielfalt der Dinge, die zunehmend das Leben füllt. Weiterlesen