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Älter werdend, versuche ich dann und wann herauszufinden, wie alt ich mich tatsächlich fühle. Wenn ich das Alter nicht in den Gliedern spüre, ist das gar nicht so einfach. Meist gelingt es in Gefühlslagen, die Erinnerungen wecken, wie in der vergangenen Woche.

Am Montag folgte ich einem Link zu einem Vortrag mit dem Thema „Potentialentfaltung – Was wir sind oder was wir sein könnten“. Der in Thüringen gebürtige Neurobiologe Gerald Hüther hielt ihn und deponierte ihn auf Youtube. Stefan, ein Freund, den ich 1973 in meiner Wehrdienstzeit kennenlernte, schickte ihn per Mail mit dem Betreff „Dein Thema“. Jahrzehntelang hatten wir uns aus den Augen verloren, bis er vor neun Jahren via Internet auf die Suche ging und fündig wurde. Wir trafen uns erst in Leipzig und saßen Anfang 2013 mit einem Dritten im Bunde im „Berg- und Jagdhotel Gabelbach“ bei Ilmenau. Das Tolle war, wir redeten nach 10 Minuten, als wären wir vor 10 Tagen erst auseinandergegangen. 37 Jahre waren es tatsächlich.

Nachmittags kreuzte sich eine Mail an Reinhard mit meinen Eindrücken zu seinem Buch „Historischer Report 1945-1989“ mit einer Einladung von ihm für eine öffentliche Buchpremiere im nächsten Monat. In dem Buch werde ich erwähnt, weil Reinhard im Jahr 1976 Mitglied im „Zirkel Schreibender Jugendlicher“ im Leipziger Leibniz-Klubhaus war, den ich damals leitete.

Am Dienstag traf ich in Dresden einen nahe gebliebenen Freund aus einem Kreis junger Schreibender, in den ich 1973 fand. Zuvor frühstückte ich bei Milene auf der umwaldeten Terrasse ihres Häuschens in Dresden-Klotzsche. Eindrucksvolle Übereinstimmungen nähern uns seit ungefähr zwei Jahren. An diesem Vormittag ließ unser schönster gemeinsamer Nenner, die Neugier, Milenes Refugium wieder einmal wie einen fliegenden Teppich durchschweben. Weit in die Ferne, die oft in nächster Nähe steckt. Von Fäden Traurigkeit durchwoben, denn unglaublich knapp muss ich Milene vor einem halben Jahrhundert verfehlt haben.

Anschließend entdeckten wir in der Nähe des „Zwinger“, über der neunten und letzten Etage im „Lebendigen Haus“, die Dachrestauration „Felix“. Überraschend fanden wir uns, Sand unter den Füßen, einen Cocktail schlürfend, in einem Strandkorb sitzen und wurden froh mit dem Gedanken, diesen zweiten Corona-Sommer gar nicht unbedingt reisen zu müssen, jedenfalls touristisch nicht.

Abends zu dritt mit Frank, ergriff uns im „Watzke“-Restaurant neben dem „Goldenen Reiter“ nicht das von ihm per WetterApp vorhergesagte Unwetter, sondern bei einem köstlichen Bierchen einer von jenen Sommerabenden, deretwegen ich, unter anderem, auf der Welt bin.

Am Mittwoch lernte ich in Leipzig-Gohlis, angeregt im vergangenen November von der Ehefrau, von der ich seit 19 Jahren getrennt lebe, eine ihrer Schulfreundinnen und deren Mann kennen. Er ist Kroate, und beide haben lange in Serbien gelebt. Jetzt hat er Erlebnisse aufgeschrieben, und es wird sich zeigen, ob ich ihm bei seinem Text noch behilflich werden kann. In einer Wohnung mit Petersburger Bilderhängung, bei Gesprächen, in denen es mir vom ersten Moment an gut geht, sind drei Stunden im Nu vorüber.

Reinhard bedankte sich per Mail für meine Bemerkungen zu seinem Buch und ergänzte seine Einladung über den offiziellen Teil hinaus um ein anschließendes Beisammensein im kleinen Kreis bei sich zu Hause.

Abends kümmerte ich mich um Bestattungen. Die schöne Vorstellung, mein Kind würde einmal meine Asche über den Teich im Wörlitzer Park verstreuen, wird mit deutschen Gesetzen schwierig. Ich entdecke die Luftbestattung und im Besonderen eine Himmelsbestattung. Dabei wird die Asche mit einem Wetterballon in die Stratosphäre geschickt, wo sie sich in einer Höhe von ungefähr 30 Kilometern verteilen kann. In Kombination mit beispielsweise Schweizer oder tschechischen Behörden soll diese Variante auch für Deutsche möglich sein.

Am Donnerstag gelang es mir, endlich den zweiten Teil meiner Gedanken zur Überbevölkerung fertig zu texten und in meinem Blog zu stellen. Zwei Monate habe ich mit schöpferischen Pausen daran gearbeitet. Einiges, was Gerald Hüther sagt, erweist sich als ideale Ergänzung. Zudem hat mir sein Vortrag die Worte ‚erkennen‘, ‚begreifen‘ und ‚verstehen‘ als qualitative Reihenfolge bewusst gemacht. Ich verstehe jetzt, dass es die Bankrotterklärung eines Bildungssystems ist, wenn ein Kind sagt, dass es zur Schule muss.

Wie wenn in der Arbeitswelt die Erwachsenen sagen, sie müssen zum Dienst. In dem Moment, mit diesem Selbst-Verständnis, fühlen sie sich wie ge- oder ver- oder missbrauchte Objekte, die mit „Industrie 4.0“ ganz schnell überflüssig sind, obwohl sie doch mit ihrer naturgegebenen Grundausstattung Subjekte sein und ihr Leben lang bleiben könnten. Nur unter den – von wem? – gegebenen Umständen ganz sicher nicht. Scheitern wir an unseren Möglichkeiten? Wird außer Fiktionen bald nichts gewesen sein? Entlässt die Natur uns in die Dummheit? Hat sie es schon getan? Aber in welchem kosmischen Lichte erschiene dann sie selbst?

Am Freitag hatte ich das Glück eines zweiten nachhaltigen Frühstücks. M. lud mich kurzfristig ein. Wir kennen uns seit den 1990er Jahren, als sie Direktorin und ich Elternsprecher an dem Gymnasium war, das mein Kind besuchte. Zwar ergab sich der entspannte Blick von ihrem Stadtbalkon in das Baum- und Buschgrün um den Karl-Heine-Kanal diesmal nicht, denn zu kühl war der Vormittag, doch füllte er sich mühelos mit einem kreativen Austausch, mit dem sich Wahrnehmungen und Eindrücke so herrlich ausweiten. Jahrelang, stellt sich heraus, hatte M. Hüther‘s Newsletter abonniert und erinnert einen Vortrag, auf einer sächsischen Schulleiterkonferenz. Der genügte den Kultusbeamten ein für allemal.

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Auf der Fahrt zu M. rekapitulierte ich das reichliche Geschehen dieser Woche und ich erinnerte mich. Woran? Später, um das zweite Frühstück ergänzt, merkte ich, dass es weniger eine Erinnerung als meine Gefühlslage war, die ich ganau so vor langer Zeit schon einmal hatte, da aber nicht für einen Moment oder einen Tag, sondern über Monate hin. Es war das schöne Gefühl einer Fülle, die sich mit Neuem, das geschieht, weiter und weiter verdichtet, bis ich sie spüre wie eine gravitative Kraft, die Ereignisse geradezu aufsaugt und ein Lebensgefühl hervorruft, über dessen Endlichkeit ich mir damals gar keine Gedanken machte.

Dann hatte ich das ‚damals‘ parat. Es erstreckte sich fast über das ganze Jahr 1976. Darin wurde und war ich 27 und von einer Lebenslust ergriffen, die nicht aus meiner Jugend kam, sondern aus einer Melange, die, befeuert von Neugier und Mut, alles assimiliert, was ihr zuträglich ist.

Der Auftakt war ein Tanz hinein in dieses Jahr, zu siebt in einer Ferienhütte am Zechliner See, die dem Vater der Freundin meines Freundes A. aus dem Dresdener Kreis gehörte. Sie studierte Bildhauerei an der Dresdener Kunsthochschule. Ins Tagebuch notierte ich seinerzeit eine Frage von Sartre: „Wie lässt sich aus Stein ein Mensch darstellen, ohne ihn zu versteinern?“ Über einen Gang über den Friedhof Flecken Zechlin schrieb ich: „Dünn liegt Schnee auf den Wegen. Die Gräber bedeckt ein Tuch wie meine entzündeten Sinne. Ich lerne stehenzubleiben zwischen den in die Erde Gelegten. Ich bleibe stehen. Klumpen pappigen Schnees unter den Schuhen, fühle ich mich wie ein Aussätziger in abgelegter Zeit. Ich lege einen Schneeball auf ein Grab. Ich pflücke ein Buchenblatt in meine Erinnerung. Jetzt bin ich allein. Ein Kind hier lebte nur einen einzigen Tag. Als erstorbener Schrei? Als überlistetes Vergessen? Wie viele meiner Tage sind schon auf nimmer Wiedersehn verschwunden? Den Schnee schlage ich an einem Stein von den Sohlen und ziehe mich, gegen tausend Fäden, vor das Tor zurück.“

Aus „Anna Karenina“ notierte ich: „Heuchelei auf irgendeinem Gebiete kann den klügsten, scharfsinnigsten Mann täuschen; aber selbst das beschränkteste Kind durchschaut sie, und wendet sich davon ab.“

Bis zum Sommer bestritt ich meinen Lebensunterhalt mit belanglosen Artikeln für die Zeitschrift „Kultur und Freizeit“. Dafür fuhr ich mit Bus und Bahn kreuz und quer durch die Republik. In eigenen vier Wänden schrieb ich Gewünschtes auf, dazwischen Gedichte, kleine Essays und Kurzprosa. Homeoffice heißt das jetzt. Mein Motto damals war: „Mit Hirn und Kuli schlau wie ein Fuchs und zäh wie ein Muli.“

Ich sorgte für den schon erwähnten Zirkel und stritt mit Kulturfunktionären für eine Anthologie mit Texten seiner Mitglieder. Die wiederum brachten mich dem Free Jazz nahe, in den ich mich während regelmäßiger Sessions im Keller der Hochschule für Grafik und Buchkunst regelrecht verliebte. Die Wochenenden verbrachte ich im Dresdener Freundeskreis, häufig wandernd und disputierend in der freien Natur, die zeitgleich rund um Leipzig in einer erschreckenden Gleichgültigkeit vor die Hunde ging.

Auch über Haarausfall – heute akut – machte ich mir schon Gedanken. Er sei „kein Anzeichen für ein verkümmerndes Hirn“, war mir wichtig aufzuschreiben. Altern hielt ich für den „Übergang vom ‚leben wollen‘ zum ‚sterben können‘.“

In jenem August, bei einem Konzert, das Uschi Brüning mit ihrer Band anlässlich der Arbeiterfestspiele hinter dem Dresdener Kulturpalast gab, beobachtete ich einen krumm gebeugten alten Mann. „Vor den Füßen der ersten Zuschauerreihe, die auf der untersten Stufe einer Tribüne hockten, ging er entlang und sammelte bedächtig und gewissenhaft leergetrunkene Flaschen in einen großen abgenutzten Stoffbeutel. Dabei verstellte er vorübergehend Zuschauern den Blick zur Bühne. Niemand äußerte Unmut oder machte eine Bemerkung. Keiner reichte ihm eine Flasche zu.“

Im September begann mein Studium am Literaturinstitut. Die Studenten wählten mich zum Seminarsekretär, als der ich nach wenigen Wochen gleich zwischen mehrere Stühle geriet. Der systemkritische Lyriker und Barde Wolf Biermann wurde nach einem Konzert in Köln, wohin sie ihn ließen, von den DDR-Mächtigen „ausgebürgert“. Viele der nennenswerten Kulturschaffenden, die gar nicht seine Freunde sein mussten, nahmen das, wohl wissend, was ihnen künftig ‚blühen‘ konnte, nicht hin. Da war es aus mit der Gewächshausatmosphäre des Instituts, in dem wir zu systemgetreuen Schriftstellern heranreifen sollten.

In einem Brief beschrieb ich meinem Freund A. das Gefühl für die Frau, die ich zwei Jahre später heiratete. „Ich lote den Begriff Liebe aus und bekomme dabei Gott sei Dank Boden unter die Füße. Völlig unpoetisch spielt sich das ab. So musste es ja kommen nach den zügellosen Fantasien. Nicht Eins werden, sondern verschieden bleiben können, doch auf derselben Seite, einander zugewandt. Da steht die Lyrik wie eine blöde Kuh und ich lache und halte mir den Bauch und werfe meinen Kuli den Versfüßen, die sich aus dem Staube machen, hinterdrein. Die wichtigen sind dageblieben, durchgerüttelt in meinem in die Welt zurückgerückten Kopf.“ Ins Tagebuch schrieb ich Hamlets Worte zu Ophelia: „Willst du durchaus heiraten, nimm einen Narren; denn gescheite Männer wissen allzu gut, was ihr für Ungeheuer aus ihnen macht.“

Im Institut hatte das Biermann-Desaster zur Folge, dass wir Studenten in zwei fast gleichgroße Gruppen zerfielen. Die sollte ich beide gegenüber der Leitung und den Dozenten vertreten, wo es auch die eine und andere Verwerfung gab. Ein Ding der Unmöglichkeit war das, mit ‚Überraschungen‘ im Wochentakt, denn weitergehen musste es. Keiner ließ sich exmatrikulieren, keine wurde rausgeschmissen, immerhin.

Ich war, bei aller Disziplin und meinem angeborenen Ordnungssinn in kürzester Abfolge und nicht so selten gleichzeitig bestürzt, verwirrt, erstaunt, entsetzt, entzückt. Kein Gedanke mehr ans eigene Alter, kein Gefühl dafür, aber das Gefühl, in einem Leben zu sein, bei dem Alter so lange keine Rolle spielt, bis der Körper sie schlussendlich oktroyiert.

Zuguterletzt ein Tagebucheintrag jenes 1976er Jahres, ganz sicher in Bezug auf den Roman „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow: „Die Wahrheit hat einen merkwürdigen Pakt mit der Zeit. Vielleicht sind beide zusammen der Teufel?“

72

72 ist kein schönes Alter aber eine schöne Zahl. 2 x 2 x 2 x 3 x 3; teilbar durch ihre Quersumme; Summe der vier bzw. sechs aufeinanderfolgenden Primzahlen 13, 17, 19, 23 bzw. 5, 7, 11, 13, 17, 19; beachtlich ist ihre hohe Teilerzahl 12.

In der christlich-mittelalterlichen Symbolik steht 72 für die Zahl der Weltsprachen oder die Anzahl der Völker der Welt. Der Daoismus nennt 72 glückliche Orte. Nach altjüdischer Tradition gibt es 72 Engelsnamen. 72 Ketzereien kennt der Islam. Im Koran ist von 72 Jungfrauen die Rede. Weiterlesen

pandemische Zeiten 1

Vor fast genau drei Monaten wurde in Deutschland der erste COVID-19-Infizierte registriert. Heute sind es über 60 000 und weltweit über drei Millionen in fast allen Ländern. Im Freien sind so wenige Menschen wie lange nicht unterwegs. In Städten kann man Vögel zwitschern hören. Der Himmel ist weniger trüb. Flughäfen und Bahnhöfe sind ebenso leer wie Kneipen, Kinos, Konzertsäle, Sportarenen. Das Sinnlosreisen ist gestoppt. Die Freizeit- und Vergnügungsindustrie liegt global darnieder. Universitäten, Schulen und Erziehungsanstalten sind geschlossen. Kurzarbeit und Homeoffice bremsen die Wirtschaft ab. Bewegung ist eingeschränkt. Abstand und Mund-Nasen-Schutz sind geboten. Weiterlesen