auf der Flucht

Peter Madei: Schön, dass wir mal wieder sprechen.

Ines Klitz: Leider über nichts Schönes. In Ihrem Essay „Der Club of Rome und meine Liebe zur sphärischen Geometrie“ steht: „Das Meer wird sich nicht teilen müssen, damit die erbärmlichen Schaluppen entbehrlich werden und Millionen ins kontinentale Europa strömen, um dort den Staatsgewalten die scheinheiligen Demokratiegewänder von den Wohlstandsleibern zu reißen und alle, die über ihre Verhältnisse leben, in die globale Realität zu befördern.“

PM: Geschrieben habe ich das vor drei Jahren.

IK: Eine Eingebung?

PM: Ich hatte vorher ein paar richtige Bücher gelesen. Zum Beispiel „Der Hass auf den Westen“ von Jean Ziegler und „Politische Gerechtigkeit“ von William Godwin und „Mediacontrol“ von Noam Chomsky und „2052. Der neue Bericht an den Club of Rome“ von Jorgen Randers, auch die „Dialektik der Natur“ von Friedrich Engels und im „Kapital“ von Karl Marx. Wichtig war auch das „Abécédaire“ von Gilles Deleuze. Da werden Flüchtlingsströme absehbar.

IK: Und jetzt? 

PM: Victor Klemperer stellte 1947 in seiner Schrift „LTI“ anhand der Sprache des Dritten Reiches auf eindrucksvolle Weise die nationalsozialistische Weltanschauung bloß. Jetzt ist es höchste Zeit, dass wir die Sprache unserer Politiker und Berichterstatter analysieren.

IK: Um was herauszufinden?

PM: Ihre tatsächlichen Beweggründe. Ihre Ziele im Umgang mit den Herkömmlingen. Ob sie wirklich willkommen sind. Ob sie sie nicht lieber schnell wieder loswerden wollen? Oder nur dabehalten, wenn sie uns ‘was bringen’?

IK: Und was haben Sie herausgefunden?

PM: Eine entsetzliche Heuchelei. Wir sind, historisch und aktuell, eine Fluchtursache. Das reden wir, das redet der wohlhabende europäische Westen gern weg oder täuscht Aktionismus vor. Letzten Endes geht es den meisten von uns vor allem um sich selbst. Um die Wahrung der eigenen Besitzstände. Um das schöne, bequeme eigene Leben.

IK: Auf Kosten anderer …

PM: Zum Beispiel derer, die gerade herkommen. Was mit ihnen beginnt, nenne ich lieber ‘Völkerwanderung’ als ‘Flüchtlingsstrom’. Ursachen sehe ich Richtung Afrika in katastrophalen Infrastrukturen, in Überbevölkerung, in einem jahrhundertelangen Kolonialismus, Richtung Naher und Mittlerer Osten in historischen, religiösen und ethnischen Konfliktlagen. Nicht zuletzt verursacht der beginnende Klimawandel existenzielle Notlagen ganzer Völker und Regionen. Kein ernsthafter Klimaforscher bestreitet das mehr. 

IK: Aber dass wir die Verursacher sind.

PM: So oder so, die Folgen werden für ganze Regionen der Erde schon in den nächsten Jahrzehnten lebensbedrohlich. Die, die heute kommen, sind nicht etwa die Ärmsten der Armen, sondern die Weitsichtigsten, Mutigsten und Cleversten, die mit der meisten Energie und Ungeduld. Sie wollen hier nicht bloß existieren, sondern ein gutes Leben wie wir.

IK: Bemerkenswert. Bedenklich. Beängstigend.

PM: Noch beängstigender ist, dass sie, ethisch betrachtet, ein gewisses Recht auf ein gleich gutes Leben haben könnten, jedenfalls in einer Zivilgesellschaft, die der Barbarei entkommen glaubt. Im Moment denke ich, dass wir soeben die Flucht antreten. Vor unserer Verantwortung für eine Lebensweise, für die wir jahrhundertelang andere missbraucht haben. Vor einer immer noch feuchten Blutspur, die wir in den vergangenen Jahrhunderten durch die Geschichte gezogen haben. Vor dem beschämenden Versuch, den Herkömmlingen einzureden, ihr Elend käme aus ihrem Ungeschick oder sei schicksalhaft.

IK: Dann sollten wir mal mutig sein. 

PM: Und was tun? Zäune ziehen? Mauern bauen?

IK: Wie wäre es mit “Völkertausch” statt “Völkerwanderung”?

PM: Ich bin …

IK: Erstaunt?

PM: Entsetzt.