anders reisen 1

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Es war an einem späten Nachmittag Anfang November 2019. Ich saß im „Café de France“ am Djemaa El Fna an einem der kleinen runden Tische auf der Terrasse im zweiten Stockwerk und las Elias Canettis „Stimmen von Marrakesch“. Mindestens nach jedem Absatz sah ich hinunter auf den fiebrigen Platz oder darüber hinweg bis zum Turm der Moschee La Koutoubia. Der 2017 verstorbene spanische Schriftsteller Juan Goytisolo, ein Zeitgefährte und Freund von Günter Grass, der in den 1960er Jahren hier im Herzen der Medina wohnte, verglich den Platz mit einem Palimpsest, einer immer wieder neu beschriebenen Manuskriptseite.

Canettis „Aufzeichnungen einer Reise“, so der Untertitel seines Buches, sind Szenen und Begegnungen, die in einer scheinbar leichten, tatsächlich auf das genaueste ausgeformten Sprache aus Beobachtungen und Begegnungen ein Muster weben, mit dem ich, als ich sie vor 35 Jahren las, Geräusche, Gebärden, Gerüche hörte, sah und roch, als wäre ich in ihrer Mitte. Meine Zunge schmeckte die Fremde buchstäblich und Arme und Schultern verspürten diesen und jenen Druck, als würde ich wirklich berührt.

Da entstand, als vollkommene Illusion, der heftige Wunsch, diesen Ort an Ort und Stelle zu erleben. Er löste sich, im Unterschied zu vielen anderen, nicht auf. Nun war eine Reise nach Marrakesch möglich. Eine Reise? Sicher nicht vergleichbar mit den Aufenthalten von Canetti oder Goytisolo Grass. Kürzer, bequemer, weniger gründlich, touristisch.

Das Wort ‚Tourist‘, erstmals um 1800 im Englischen verwendet, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg für Reisende gebräuchlich, die sich mindestens 24 Stunden im Ausland aufhalten. Mit den inzwischen vorhandenen Verkehrsnetzen und Infrastrukturen ist ein ‚Tourist‘ heute jemand, der sich in Urlaubszeiten oder an zusammenhängenden Tagen aus seiner Alltäglichkeit entfernt, um in möglichst kurzer Zeit möglichst eindrucksvoll Wohlfühl- oder Sehnsuchtsorte aufzusuchen.

Tourismus ist heute eine globale Industrie mit gigantischen Umsätzen und exorbitanten Zuwachsraten und in vielen Regionen und Staaten Existenzgrundlage, die einhergeht mit Abhängigkeit. Krisenfähig wie all seine Ismus-Brüder, kippt er natürliche Gleichgewichte, zerstört Kreisläufe und verbraucht Ressourcen rücksichtslos. Mit ihm auszuschwärmen, war schon vor Greta Thunberg ein bedenkliches Vergnügen. Nun werden Erklärungen verlangt.

Weshalb vergrößere ich mit meinen hastigen Umtrieben meinen ökologischen Fußabdruck schneller als mein schlechtes Gewissen? Sollte ich stattdessen nicht mein Verhalten ändern? Bedürfnisse mit Bedingungen? Könnte es sein, dass ich nicht nur zu meinem Vergnügen auf der Welt bin? Habe ich vergessen, dass sich Schätze erst mit Eifer und Ausdauer, mit Mut und Sorgfalt finden und ganz ohne Raubzüge aneignen lassen?

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Zu meinem beharrlichen Wunsch, Marrakesch kennenzulernen, hatte sich über die Jahre ein zweiter gesellt. Ich wollte nicht mehr Gelesenes nur nach-empfinden, ich wollte auch sehen, ob dieser Ort sich seit Canetti ent-fremdet hatte. Wie würden mir seine Bewohner 65 Jahre später entgegenkommen? Wie groß ist jetzt das Interesse aneinander?

Rastlos hatte ich die Tage zuvor die Souks der Medina und Mellah durchstreift und war sehr verwundert, wie wenig sie mich berührten. Ich fühlte mich falsch und unbemerkt. Es war, als meine liebe Freundin ‚Neugier‘ mich verlassen. Hatte sie sich verlaufen? Hatte ich mich verlaufen? Nirgends war ich willkommen, nur das Geld in meiner Tasche, und das wollte nicht heraus.

Wie anders hatte Canetti sich auf dem Djemaa El Fna bewegt, bis heute in jedem Reiseführer als die Attraktion der Stadt gepriesen: Platz der Gaukler, Musikanten, Schlangenbeschwörer, Geschichtenerzähler, Schriftkünstler, Zukunftsdeuter, Glücks- und Gedankenspieler. Wie anders war unterwegs, weit offen für Entgegenkommendes, kein Profiteur, kein Eindringling. Wie sorgfältig ging er mit seiner Zeit inmitten der anderen um, Stunden auskostend, Tage und Wochen, in denen Impulse, Missverständnisse und Glücksmomente zu Erfahrungen reifen. Ein Reisender!

Mich dominieren Eile und Oberflächlichkeit, an denen Wahrnehmung und Zuwendung abgleiten. Die Heimischen haben sich angepasst und erfüllen routiniert und unverschämt die überschaubaren Erwartungen der Fremdlinge, während sie schier endlos den Platz zerwalzen und sich in die Souks pressen, verschreckt von einer rasenden Moped-Armada, hastigen Trägern, Karren und Wagen.

Junge Männer vergeuden Kraft und Talent beim Anpreisen von Ramsch und Tand. Oder sie locken zum gebührenpflichtigen Foto mit hektischen Äffchen und benebelten Schlangen oder zu einem belanglosen Straßentheater oder in einen verdächtig engen Kreis vermeintlich Begeisterter um leidenschaftslose Musikanten oder heran an hastig gefüllte Gläser und Teller – viel zu aufdringlich und zu plump, um Vertrauen oder Interesse an und für sich zu wecken.

Weit hinten erst in den Souks, wo den Touristen die Geduld verlässt und seine zugewiesene Zeitration knapp wird, blitzt hier und da noch das weiter vorn Verschwundene auf: ehrliches Handwerk, entspanntes Palaver, Interesse. Und meine Neugier zeigt sich auf einmal in einer leicht geöffneten Tür und? Schürzt die Lippen. Na sowas!

Inzwischen hatte sich auf der Terrasse Seltsames ereignet. Zum einen war sie mit Touristen überfüllt, zum anderen dachten die, die keine Plätze mehr fanden, gar nicht daran, sich wieder zu entfernen. Die beiden Kellner reagierten jedoch nicht ungehalten, sondern schafften aus einem hinteren Raum zusätzliche Tische und Stühle herbei und stellten sie, ich traute meinen Augen nicht, sich selbst in den Weg, in die schmalen Gänge, die sie zur Bedienung brauchten. Weshalb, sah ich nun. Die tief gesunkene Sonne schob sich eben hinter den Turm der Moschee La Koutoubia, und würde, käme sie wieder hervor, ihre Bahn noch ein kleines Stück fortsetzen, bevor sie endgültig unter den Horizont tauchte. Dieses Schauspiel erwarteten, Handys und Fotoapparate gezückt, die Versammelten.

Währenddessen wechselte der Himmel, wie noch nie gesehen, bis in den Zenit hinauf fortwährend seine Färbungen und Helligkeiten von gleißendem Weiß bis in schwärzestes Purpur. Dazwischen flanierte die Dämmerung wie eine Grande Dame. Keines meiner Fotos vermochte sie festzuhalten. In mir, in leichter Blässe, schimmert sie noch.