anders blicken

Soweit ich weiß, hat es mir schon als Kind gefallen, in besonderen Situationen neben mich zu treten und zuzusehen, was ich da gerade treibe oder wie mir geschieht und das anschließend auszuwerten. Manchmal habe ich mich geschämt, nicht sehr häufig war ich zufrieden mit mir. Nach und nach kam ich darauf, dass ich die Folgen meines Handelns besser absehen kann, wenn ich es zwischendurch vom Standpunkt derer aus betrachte, auf die es sich auswirkt.

Die Sozialpsychologie kennt den Begriff der Perspektivenübernahme. Sie kann intellektuell und/oder emotional motiviert sein. Der französische Philosoph Gilles Deleuze spricht in einem Interview-Film gegenüber seiner ehemaligen Studentin, Freundin und Co-Autorin Claire Parnet von einer „Umkehr der Wahrnehmung“.

2011 sah ich „Abécédaire“, der Name dieses auf drei DVDs verteilten siebeneinhalbstündigen Films, ein erstes Mal. Deleuze verknüpft den Vorgang der Wahrnehmungsumkehr mit einer Daseinsweise, für die er das Wort ‚links‘ verwendet. Das Missverständnis war vorprogrammiert, denn gleichzeitig machte er deutlich, mit ‚links‘ keinen politischen Standpunkt zu meinen, sondern ein Welt- und Selbstverständnis.

„Nicht links sein“ heiße, so der Philosoph, „das Andauern seiner Situation (zu) schaffen, die privilegiert ist. Links sein bedeutet die Umkehr der Wahrnehmung von sich aus auf die Welt hin, von der Erde, vom Globalen immer weiter herab zu sich. Es ist ein Wahrnehmungsphänomen. Links sein heißt, du siehst zuerst den Horizont und du weißt, dass das unmöglich andauern kann, diese Milliarden von Menschen, die verhungern, das kann nicht andauern und nicht im Namen der Moral, sondern im Namen der Wahrnehmung selbst.“

Zuvor, im gleichen Atemzug, suspendiert Deleuze den Begriff ‚Menschenrechte‘, mit dem er nichts anfangen kann: „Menschenrechte, was soll das sein? Das ist ganz leer. Gerechtigkeit, Menschenrechte, das gibt es nicht. Was zählt, ist die Rechtsprechung. Rechtswissenschaft, das ist das Leben aber nicht Menschenrechte. Es gibt das Leben, Lebensrechte. Das Leben aber verläuft von Fall zu Fall. Für die Freiheit kämpfen heißt, Rechtsprechung zu betreiben. Links zu sein bedeutet, Recht zu schaffen.“

Der Begriff ‚Perspektivwechsel‘ war vor zehn Jahren noch ein völlig ungebräuchlicher. Heute, ein gutes Zeichen, ist er in vieler Munde. Auch dieser Begriff ist missverständlich, weil er bedeuten kann, dass ich meine Perspektive zugunsten einer anderen aufgebe, wie wenn ich in einer Arena, in der es bessere und schlechtere Plätze gibt, den bestmöglichen zu ergattern und anschließend zu behaupten versuche.

Das meint Deleuze mit ‚Perspektivwechsel‘ nicht. Für ihn ist er die Vorbereitung für eigenes Entscheiden und Handeln, das mehr als nur eigenes Wohlbefinden im Blick hat. Genaugenommen ist sein Perspektivwechsel ein doppelter. Zunächst nehme ich die Position eines oder einer anderen oder einer Gruppe oder einer anderen Spezies ein, und gehe dann wieder zurück in meine eigene, um, ihrer eingedenk, eine Entscheidung zu treffen, um etwas zu tun.

Zwar immer schon war der Perspektivwechsel eine Option aber noch nie Notwendigkeit. Im Gegenteil, eigenwillige Entscheidungen sprachen für Entschlusskraft und Mut zum Risiko. Wurde er belohnt, bekamen diejenigen Zuspruch und häufig weitere Befugnisse und die Rerssourcen, sie auszugestalten.

Strukturen entstanden, Hierarchien vornehmlich, in denen sich Macht etablierte, legitimierte, konzentrierte und verfestigte, Jahrtausende lang. Den globalen Realitäten sind sie nicht mehr gewachsen. Unser erreichtes Ausmaß zwingt uns den Perspektivwechsel auf. Während wir, fortschreitend, komplexe Zusammenhänge zerstören, natürliche Grenzen verletzen und die hauchdünne Sphäre um den Planeten, auf die wir angewiesen sind, überfüllen, zeigt uns die Natur, dass er mitnichten unser ist.

Die lange gebräuchlichen Strukturen sind verbraucht. Jetzt rückt mit jeder neuen Krise und Katastrophe der Begriff ‚Verantwortung‘ in den Mittelpunkt unserer Analysen und Betrachtungen. Nur wenn wir verantwortlich entscheiden und handeln lernen, werden wir weiter existieren. Um die Erde müssen wir uns keine Sorgen machen. Sie ist kein triviales Regime, sondern ein hochkomplexer Vorgang. Sie braucht uns nicht, und wenn wir nicht mehr in diesen Vorgang passen, werden wir eingedampft oder aussortiert. Für unsere Zukunft und Sicherheit brauchen wir sie. Mit nur dem einen eigenen Blick ist beides nicht zu haben.