Ai Weiwei

Der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei (1957) benennt im März 2009 den Missbrauch des Freiheitsbegriff in den westlichen Demokratien. Allen voran die USA erschaffe sich daraus eine „Superideologie“, in der Freiheit „mit den bescheidenen Gefühlen und Bedürfnissen der meisten Menschen nichts mehr zu tun [hat]“. Der globalen Finanzwelt wünscht er ein Andauern der Krise „nicht damit unsere Lebensgrundlagen weiter zerstört werden, aber damit die alten Strukturen irreparabel Schaden erleiden und etwas Bedeutungsvolles, Neues entstehen kann“.

Kindheit und Jugend erlebt Ai Weiwei in der westchinesischen Provinz Xinjiang, in die der Vater, ein Maler und bedeutender Lyriker, im Jahr 1958 mit anderen Intellektuellen und Künstlern nach allzu offener Systemkritik verbannt wurde. 1975 darf die Familie nach Peking zurück. 1981 erhält Ai Weiwei die Möglichkeit, ins Ausland zu reisen. 12 Jahre lebt er in New York und beschäftigt sich vor allem mit Performance und Konzeptkunst. Als der Vater schwer erkrankt, geht er wieder nach China.

1994 gründet er in Peking eine Galerie für experimentelle Kunst und wird, als er wahrnimmt, dass die politische Führung Chinas die Fehler des Westens wiederholt und sich an einem umweltvernichtenden Wachstumskurs berauscht, ein unerbittlicher Kritiker des chinesischen Staatswesens. Er recherchiert, kommuniziert und deckt rücksichtslos auf, wer in dieser sogenannten Volksrepublik auf Kosten des Volkes Staat macht und das Gemeinwohl aufs Spiel setzt. Umgehend wird er zum Lieblingsfeind von Behörden und Polizei. Internet und Handy werden seine Waffen gegen Desinformation, Vertuschung und Machtmissbrauch. Gleichzeitig qualifiziert er sie zur kreativen Plattform für Gedankenaustausch und demokratisierende Diskurse.

2006 eröffnet Ai Weiwei einen Internet-Blog, in dem sich künstlerische Tätigkeit, philosophische Gedanken und gesellschaftliches Engagement zusehends mischen. Hier lese ich zum ersten Mal das Wort ‚Netizen’ für Internet-Beteiligte, das zum ersten Mal der US-amerikanische Internet-Pionier Michael Hauben aus den Worten ‚Network’ und ‚Citizen’ knüpfte.

Die Internet-Gesellschaft „könnte es den Menschen ermöglichen, die beste Wahl zu treffen, was sie normalerweise aufgrund des Ungleichgewichts an Informationen und Möglichkeiten nicht können“, schreibt Ai Weiwei. „Dadurch könnte eine echte Bürgergesellschaft entstehen.“

Verboten wird sein Blog im Jahr 2009, als Partei und Staatsbehörden durch ihn ihr Macht- und Meinungsmonopol gefährdet sehen:

„Was ist das für eine Regierung, die die Wünsche und Gefühle des Volkes ignoriert, skrupellos die Realität verfälscht und die Fakten verzerrt, die das Leben der Menschen oder ihr Eigentum und ihren Wohlstand betreffen? […] Vielleicht können wir aus ihrem Verhalten folgenden Schluss ziehen: Die Ethik und Moral, auf die sich der Staat stützt, ruhen auf einem Fundament von Lügen […].“