absehen

Die Annahme, für sich glücklich und zufrieden werden zu können, halte ich im Moment für den gefährlichsten Lebensentwurf. Seine vermeintliche Harmlosigkeit erinnert mich an einen Satz Gustav Heinemanns aus dem Jahr 1965: „Der Friede ist der Ernstfall, in dem wir uns alle zu bewähren haben.“ Vom damaligen Bundespräsidenten gesprochen, wirkte er mitten im Kalten Krieg auf viele wie eine Verachtung der weltweit verbreiteten Angst vor einem globalen Atomkrieg. Er schien unmittelbar und unausweichlich bevorzustehen. Welch ein Affront, in dieser Lage miteinander über andere Bedrohungen einer befriedeten Menschheit nachdenken zu sollen.

Aber Heinemanns Satz überging keineswegs die akute Gefahr. Sie wies allerdings in weiser Voraussicht auf ernsthafte Mühen hin, die die Menschheit erwarteten, sollte sie sich nicht schon in ihren Anfängen hoffnungslos verhaspeln, sondern soweit kommen, dass es keinen Antrieb mehr gibt, sich von dem grandiosen Naturereignis Erde zu verabschieden. Gelingen könnte das, wenn ich ABSEHEN lerne:

Von mir, verbunden mit einem Blickwechsel in andere Perspektiven. Mit dem Ziel, wieder zu mir zu kommen, um Regeln und Ordnungen, mit denen ich mir zuvor nur eigene Vorteile verschafft habe, aufzulösen und bessere zu finden.

Alles unterlassen, von dem ich längst ahne und immer mehr weiß, dass es mein Leben einschränken wird und, wenn ich nicht achtgebe – so wie auf Permafrostböden oder den Grönland-Eisschild – schneller als ich mir träumen lasse und unumkehrbar.

Gewissenhaft hinsehen, um Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erwerben, die nicht mit anderen konkurrieren wollen, sondern in einen Gemeinsinn hineinwachsen.

Voraussehen, aber nicht schicksalhaft, sondern in eine Zukunft, die offen bleibt, solange sie vor mir liegt und ich nicht den Ehrgeiz habe, sie mit dem Augenblick zu vertauschen.