Hervorgehoben

Natur, weder die irdische noch die kosmische, ist eine Gut-Böse-Welt, als die wir sie so gern ansehen. Niemals wird sie diese Perspektive haben. Natur hat uns hervorgebracht und stellt uns einen ZeitRaum zur Verfügung, sich darin aufzuhalten. Wie lange, hängt ganz gewiss auch davon ab, wie gut wir ihn verstehen und wie geschickt wir uns darin bewegen.

Verantwortung

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Ist ein Sinn notwendig, um das eigene Leben als erfüllt empfinden zu können? Erst wenn ich mich für vernünftig halte, scheint das so zu sein und demnach eine sehr persönliche Angelegenheit. Sie wird zu einer gemeinsamen, je intensiver wir uns auf unsere Umgebung auswirken. Auf uns.

In der Antike ging ‚Verantwortung‘ in die Begriffe ‚Schuld‘ und ‚Zurechnung‘ ein. Mit der Verweltlichung des Lebens löste sie sich von der göttlichen Verantwortung ab. Das althochdeutsche ‚antwurti‘ war in erster Bedeutung die Antwort auf eine Frage. Mit der Vorsilbe ‚ver‘ bekam es eine ethymologische Geschichte. Das mittelhochdeutsche ‚verantwürten‘ drückte zunächst die Rechtfertigung vor einer Gerichtsbarkeit aus, später, im 12. Jahrhundert, das Einstehen für etwas.

Eine erste Monographie zur ‚Verantwortung‘ verfasste 1884 der französische Philosoph und Ethnologe Lucien Lévy-Bruhl mit seiner Dissertationsschrift L’idée de responsabilité. Eingang in die philosophisch-moralische Diskussion fand der Begriff im 20. Jahrhundert und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Schlüsselbegriff in der Ethik.

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Natur ist unverantwortlich. Verantwortet kann nur werden, was nicht unabwendbar ist. Verantwortlich kann nur sein, wer schon vor dem, was geschieht, Verantwortung trägt. Wer etwas weiß. Erst dadurch wird aus einem Geschehen ein Handeln, wozu – so weit unser Blick, so weit unser Wissen heute reicht – wohl nur wir Menschen in der Lage sind. Auf unserer Suche nach dem ‚richtigen‘ Handeln verknüpfen wir Zukunft und Vergangenheit im flüchtigsten Aggregatzustand der Zeit: im Augenblick.

Die Redewendung „organisierte Verantwortungslosigkeit“ las ich das erste Mal im Buch Die Alternative des Philosophen Rudolf Bahro. 1977 erschien seine vor allem ökonomische Kritik des Sozialismus. Mit ihr avancierte der 1935 in Schlesien Gebürtige und in den 1950er Jahren an der Ost-Berliner Humboldt-Universität Diplomierte zum Stardissidenten der DDR.

Das Buch war ein schwerwiegender Angriff auf das politische System. Die Redewendung war für die Staatsmacht eine ungeheuerliche Provokation. Bahro wurde stante pede verhaftet und Ende Juni 1978 unter Ausschluss der Öffentlichkeit wegen „landesverräterischer Sammlung von Nachrichten“ und „Geheimnisverrat“ zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Bahros Buch bringt auf den Punkt, woran ein dutzend Jahre später der Staat DDR implodierte.

Heute sieht es so aus, als hätten wir andere Sorgen, aber der Schein trügt. Tatsächlich geraten wir, wenn wir die eigene Verantwortung für unsere Überzahl, für Wachstumsökonomie, Klimawandel, Ressourcenverbrauch, Umweltzerstörung, Artenverlust, Kriege und Pandemien zurückweisen und anderen (Menschen) in die Schuhe schieben, immer tiefer in eine evolutionäre Sackgasse hinein.

Anstatt eine globale Lebensgemeinschaft zu etablieren, verbrauchen wir, was uns und andere Lebewesen am Leben hält. Von Anbeginn, so zeigen uns Archäologen und neuerdings Archäogenetiker, treffen wir Entscheidungen vor allem im eigenen Interesse. Für den Überlebenskampf in einer bedrohlichen Umgebung ist das plausibel. Allerdings verändert unsere Fähigkeit zur Erkenntnis die Situation grundsätzlich. Wir aber leben und handeln weiter steinzeitlich, und das ist inzwischen lebensgefährlich.

Niemand lehrt und lernt an irgendeiner Schule den verantwortlichen Umgang mit unseren Möglichkeiten. Leidenschaftlich gern spielen wir schon Jahrzehntausende mit ihnen herum und sind es zufrieden. Die, die wir durch unser Handeln in die Wirklichkeit befördern, entscheiden die Zukunft. So war das immer. Neu ist, dass unsere ganz konkrete Lebensweise mit darüber entscheidet, wie weit hinein in die Zukunft wir noch kommen.

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Der Sprache, diesem betörenden und betäubenden Hirnwunder, an dem wir uns gern berauschen wie an keiner Natursubstanz, verdanken wir, Verantwortung erkennen, begreifen und verstehen zu können. Mit der Sprache erst erfühlen wir uns als einzigartige Wesen, als edel, prachtvoll und auserwählt. Mit ihr regieren wir die Welt, sortieren, regulieren sie nach eigenen Interessen. So gut gefällt uns das, dass wir sie im gleichen Schrift- und Atemzug von allem befreien wollen, was uns in der eigenen Perspektive unvollkommen und minderwertig erscheint. Unsere große Freiheit!

Nur dass nur uns selbst das so vorkommt. Hat die Natur diese Hybris in unsere Gene gebracht? Und mit ihr die Unfähigkeit, aus unseren vielen Möglichkeiten die so wichtige globale Gemeinsamkeit in die Wirklichkeit zu befördern?

Kein nennenswertes Handeln, kein seit in den letzten Jahrzehnten veranstalteter Klimagipfel deutet etwas anderes an, keine der immer neuen Versammlungen unserer selbsternannten oder frei gewählten Anführer, dieser Nationalisten, die – je mächtiger, desto unverfrorener – von sich behaupten, vor allem die Interessen ihrer Völker zu vertreten. Keiner dieser Verantwortlichen hat bisher etwas zustande gebracht, das den Namen „Hoffnung“ rechtfertigt.

Sind wir also mit unserer Verantwortung überfordert? Samt und sonders! Während wir unsere wachsende Biomasse und was ihr in die Finger kommt, system@isch in Sondermüll verwandeln, in unser Leichentuch, wird Verantwortung zum Gattungsfluch.

Zeitenwende und Diskurse

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Rassismus und Klassismus

Ist es abhandenes Gewissen oder mindestens ein schlechtes, dass wir uns, vermeintlich arglos und in bester Absicht, mit traumwandlerischer Sicherheit immer wieder in Strukturen einbinden (lassen), die die Welt penetrant in oben-unten (religiös), rechts-links (politisch), gut-böse (moralisch), arm-reich (sozial) und klug-dumm (intellektuell) einteilen? Weiterlesen

Kein Ruf nach …

… Thomas Rosenlöcher, einem sehr guten Dichter, der mein Freund hätte werden können, hätte ich mir etwas mehr Mühe gegeben. Heute ist nur noch Zeit für ein fiktives Zwiegespräch, denn gestern bist du in Kreischa, nahe an deiner Heimatstadt Dresden, „nach schwerer Krankheit“, wie Hörfunk und  Presse vermelden, gestorben. Weiterlesen